Klatschen allein reicht nicht 

Es sind berührende Momente, wenn jeden Abend um 21:00 Uhr unzählige Menschen in vielen Städten wie auch in Köln mit ihrem Beifall-Klatschen den Ärzten und Pflegekräften ihren Dank, ihre Anerkennung und Wertschätzung für den Dienst in der Corona-Krise zum Ausdruck bringen. 

So schön und wertvoll diese Geste auch ist, sie reicht nicht. Ich hoffe und wünsche mir, dass alle die, die jetzt applaudieren, ebenfalls um 21:00 Uhr zu einem gellenden Pfeif-Konzert ansetzen, wenn die Politiker nach Überwindung der Krise nicht endlich und nachhaltig für eine Verbesserung der personellen und finanziellen Rahmenbedingungen in der Gesundheits- und Pflegebranche sorgen.

An dieser Stelle ist es mir fast schon unangenehm und peinlich, immer wieder darauf zu verweisen, dass ich bereits 1991 auf die tägliche 30 prozentige personelle Unterbesetzung der Pflege mit allen ihren dramatischen Auswirkungen hingewiesen habe. Es ist skandalös, dass in fast 30 Jahren so gut wie nichts geschehen ist. Meine damalige Analyse wurde jetzt aktuell im Februar 2020 in der „Rothgang-Studie“ zur Personalbemessung bestätigt. In diesem Zusammenhang ist die Aussage des Gesundheitsministers Jens Spahn „man habe nun erstmals verlässliche Zahlen über den Pflegebedarf“ nur noch zynisch. Denn sowohl  eine Expertise von Prof. Wingenfeld als auch das damalige KDA-Projekt „PLAISIR“ zur Personalbemessung hatten meine Untersuchungsergebnisse bestätigt und sind in der Versenkung verschwunden. 

(Lesen Sie hierzu auch meinen Beitrag „Pflegenotstand: Warum ändert sich nichts? Und was muss sich ändern?)

Bei einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen darf es allerdings nicht nur um Ärzte und Pflegekräfte gehen, sondern auch um alle anderen Professionen wie Küche, Hauswirtschaft, Reinigung, Therapie und andere, die ebenfalls maßgeblich an der Pflege und Versorgung kranker und pflegebedürftiger Menschen beteiligt sind. Wie will zum Beispiel ein Chirurg arbeiten, wenn der Operationssaal nicht klinisch einwandfrei gereinigt ist?

Vielleicht ist jetzt endlich die Zeit gekommen, dass das gesamte System auf den Prüfstand gestellt wird. Alle Mitarbeitenden in den so genannten systemrelevanten Berufsgruppen müssen besser bezahlt werden. Es kann doch nicht sein, dass Mitarbeiter in der Fertigungsindustrie höhere Löhne erhalten als Mitarbeitende der Pflegeberufe. Die Verantwortung für Maschinen wird offenbar immer noch höher eingestuft als die für Menschen. Es muss aufhören, dass Mitarbeitende in der Pflege als Kostenfaktoren gesehen werden und den „unproduktiven Dienstleistungen“ zugerechnet werden. Denn diese Berufe sind essenziell für unsere Gesellschaft, für das Wohlbefinden Einzelner und für den sozialen Zusammenhalt. 

Mit der Corona-Pandemie sehen wir deutlich, wie die Care-Berufe bisher dramatisch vernachlässigt wurden. Jetzt erhalten wir die Quittung dafür, dass in den letzten Jahren so viele, die ihren Beruf eigentlich lieben, ausgestiegen sind, weil sie es nicht verantworten können, in diesem System so zu arbeiten.

Wenn Rendite und Gewinnerzielung höchste Priorität geniessen, steht das Wohlergehen der Mitarbeitenden, Bewohner und Patienten in der Regel hinten an. Gewinne können meist nur gemacht werden, wenn Personalkosten reduziert werden. Dies rächt sich jetzt. Die Öffentlichkeit nimmt jetzt in der Corona Krise die katastrophale Situation in Kliniken und in der Pflege wahr, die allerdings immer schon der normale Alltag gewesen ist. Die Corona-Krise trifft auf ein Gesundheitssystem, das sich bereits seit langem im permanenten Ausnahmezustand befindet. Seit Jahren wird beschleunigt, verdichtet und die Effizienz gesteigert, um die Betriebe auf Gewinn zu trimmen.

Börsennotierte Unternehmen haben im Gesundheits- und Pflegesektor nichts verloren, weil es hier nicht um Waren geht, sondern um personenbezogene, zwischenmenschliche Dienstleistungen und Interaktivitäten sowie um Beziehungspflege.

Ziel muss auch sein, die Kapazitäten der Intensivmedizin soweit auszubauen, dass nicht ein Arzt entscheiden muss, welcher Patient noch behandelt werden kann und wer nicht, wie bereits in einigen europäischen Ländern geschehen. Das Alter allein darf kein Kriterium sein, sondern vor allem die Schwere der Erkrankung, damit keine Diskussion um „lebenswertes“ Leben entsteht und ethische Grundregeln über Bord geworfen werden.

Diese Wochen der Angst und Sorge zeigen uns deutlich die eigene Fragilität, Verletzlichkeit und das Angewiesensein auf andere Menschen und zwar ein Leben lang. Vielleicht führt die Erkenntnis über die Zerbrechlichkeit des eigenen Lebens zu einer radikalen Bewusstseinsänderung und damit ebenfalls zu einem radikalen Systemwechsel.

Ich werde weiterhin dafür kämpfen.