Wegducken und Abtauchen

Für Führungskräfte ist es in dieser Corona-Krise trotz aller Abstandsregeln wichtig, Nähe zu zeigen. Führungskräfte können jetzt beweisen, was in den farbigen Unternehmensbroschüren blumig beschrieben wird:
„Der Mitarbeiter im Mittelpunkt“. 

Die Mitarbeitenden sind gerade in dieser Zeit verunsichert, haben Angst um ihre Gesundheit und um ihren Arbeitsplatz. Sie brauchten Unterstützung und eine Perspektive.

Führungskräfte in der Gesundheits- und Pflegebranche haben derzeit viele Aufgaben zur gleichen Zeit. Sie müssen sich um die Patienten, Bewohner, die Angehörigen, das Umfeld kümmern und gleichzeitig die Liquidität sichern. Doch sie müssen vor allem auch auch Flagge zeigen. Insgesamt höre ich jedoch von den Führungskräften großer Pflegekonzerne hier viel zu wenig.

So erfahre ich, dass es Geschäftsführer gibt, die sich in’s Homeoffice verabschieden,  kein einziges Pflegeheim des Unternehmensverbundes besucht haben, ihre dortigen Führungskräfte im Regen stehen und mit der Verantwortung alleine lassen. Wegducken und Abtauchen ist hier das Führungsprinzip. Welch erbärmliche Haltung und Einstellung.

Mitarbeitende, leitende Pflegefachkräfte, auch Heimleitungen, vermissen Solidarität, Halt und die moralische Unterstützung, wenn sie ihre Arbeitgeber nicht zu Gesicht bekommen. „Die grössten Menschen sind jene, die anderen Hoffnung geben“.
(Jean Jaures, Historiker und Politiker)

Auch intern dürfen Führungskräfte jetzt nicht schweigen oder unsensibel kommunizieren. Kommunikation nach innen und nach außen ist das Gebot der Stunde: Offen, regelmäßig und transparent. Mitarbeitende fühlten sich sicher, wenn ihr Chef Sicherheit ausstrahlt. Zuspruch ist äußerst wichtig, denn Mitarbeitende sind durch die Krise ohnehin stark verunsichert.

Das Wort Krise kommt vom Griechischen „krinein“ – entscheiden.
Krisen sind also Situationen, die eine Entscheidung bringen oder erfordern.
Sie können uns aus der Bahn werfen und zwingen, unsere Ziele, Prioritäten, Grenzen und Hoffnungen zu überprüfen. Krisen brauchen also Werte, um Orientierung zu gewinnen und nach Fehlschlägen wieder neu zielgerichtet agieren zu können.

Und haben nicht alle Krisen, die wir in der Vergangenheit erlebt haben und mit der jetzigen erleben, eines gemein? Sie münden alle in eine Krise des Vertrauens, vor allem in die Führenden.

Gerade in Krisenzeiten ist starke Führung gefragt. Selbstbewusst und entschlossen. Wie jedes Führen heißt das: Mit sich selbst und mit anderen gut umzugehen, um vereinbarte Ziele gemeinsam zu erreichen. In der Krise, also unter erschwerten Bedingungen, gilt das um so mehr. Was hilft dabei?
Statt nach Problemen zu fragen, sind Lösungen die Lösung.

Ich sehe die Führungskräfte doppelt gefordert. Sie müssen nicht nur aufzeigen, wie man der aktuellen Herausforderung begegnet – mit intelligenten Einsatzplänen und in der Pflege mit organisatorischen Maßnahmen für die Bewohner, damit diese nicht noch schutzloser werden als sie ohnehin schon waren. Ich denke hier zum Beispiel trotz aller Sicherheitsvorkehrungen an Kontakte und Palliative Begleitung.
Lesen Sie hierzu meinen Beitrag „Besuchsverbote verletzen Menschenrechte“

Führungskräfte müssen eine Strategie entwickeln, wohin das Unternehmen unter den veränderten Vorzeichen mittel- und langfristig steuert. Sie müssen zudem zeigen, wie sie in einer Pflegelandschaft agieren wollen, in der nichts mehr sicher zu sein scheint. 

Der Umgang mit der Krise ist nicht nur für das kurzfristige wirtschaftliche Wohl des Unternehmens entscheidend – er hat auch Einfluss auf das Image in der Öffentlichkeit, bei Mitarbeitern und begehrten Bewerbern nach der Krise. Mitarbeitende werden stolz sein, wenn ihr Unternehmen die Krise  professionell gemeistert hat.  Pflegeunternehmen, die gestärkt aus der Krise herausgehen, werden für Arbeitssuchende besonders attraktiv sein. 

Insofern ist die Krise auch eine Chance. 

Wer vorher vielleicht nicht bekannt war, kann sein Image jetzt durch intelligentes Agieren stärken. Ich bin überzeugt, dass die so genannten gesundheitsrelevanten Berufe und hier vor allem die Pflege nach Überwindung der Krise einen ganz anderen Stellenwert in unserer Gesellschaft erhalten wird.
Lesen Sie hierzu auch meinen Beitrag „Klatschen alleine genügt nicht“.

Umgekehrt kann ein Unternehmen, das bislang einen guten Ruf hatte, durch Missmanagement in der Krise auch schnell an Ansehen verlieren.