Mut-Ausbruch

Die enorme gesellschaftliche Bedeutung der Pflege ist der Bevölkerung in dieser Corona-Pandemie noch deutlicher vor Augen geführt worden. Ob die Politik jedoch die in dieser Krise noch dramatischer gewordenen personellen und strukturelle Defizite zum Anlass nimmt, endlich die längst überfälligen und seit langem geforderten Reformen durchzuführen, bleibt zweifelhaft.

Ich erinnere nur an meine Untersuchung von 1991- also vor 30 Jahren !! – in der ich eine tägliche personelle Unterbesetzung von circa 30 Prozent in jedem deutschen Pflegeheim nachgewiesen habe. Lesen Sie hierzu den Artikel:
„Pflegenotstand – Der Skandal in der Altenpflege“.

Seitdem ist so gut wie nichts geschehen.

Daher befürchte ich, dass wegen dieser personellen Defizite und der jetzigen Überforderung durch die Pandemie noch mehr Pflegekräfte berufsmüde sind und aus der Pflege aussteigen.

Die Pflege fühlt sich nach einer Online-Befragung durch den DBfK – Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe – in der Corona-Pandemie nicht gut geschützt. Ein Drittel der befragten Pflegekräfte denkt regelmäßig über einen Berufsausstieg nach.

Dabei wäre gerade jetzt der Zeitpunkt gekommen, dass Pflegekräfte sich ihrer großen Bedeutung für die Gesellschaft bewusster werden, nicht klagen und jammern, sondern mit einer Stimme sprechen und notwendige Veränderungen von der Politik einfordern. 

In meiner Zeit als Geschäftsführer eines renommierten Sozialunternehmens habe ich jahrzehntelang politisch für gravierende Veränderungen gekämpft und gleichzeitig in „meinem“ Unternehmen optimale Arbeitsbedingungen geschaffen, was auch die mehrfachen Auszeichnungen „Beste Arbeitgeber Deutschlands bzw. im Gesundheitswesen belegen. Lesen Sie hierzu auch meine Beiträge zum Thema Führung und Management und hier besonders das Kapitel Mitarbeitende sind das kostbarste Vermögen.

Doch auch die Pflegekräfte selbst müssen noch viel selbstbewusster und mutiger auftreten. Sie müssen lernen, sich selbst, ihre Arbeit und ihren Beruf wertzuschätzen, stolz auf ihre Leistung zu sein und ihre Erfolge sichtbar zu machen. So habe ich jedes Heim verpflichtet, jährlich die Pflegeerfolge zu beschreiben und zu kommunizieren. Dazu zählen die wiedergewonne Autonomie, die erhaltene oder neue Lebensfreude der Bewohner, das Überflüssigmachen lebenseinschränkender Maßnahmen, das Aufrechterhalten sozialer Netzwerke des Bewohners, die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, das Verhindern von Risiken oder die Absenkungen der Pflegestufe in Folge guter fachlicher Arbeit. So entwickeln Mitarbeitende Stolz auf die eigene Arbeit und erreichen damit auch eine andere, verbesserte gesellschaftliche Anerkennung.

Dabei gilt es gerade in Sozialunternehmen zwei typische, ansteckende und damit gefährliche in vielen Einrichtungen vorkommende Viren auszurotten: „Jammern-und-klagen” und „Nicht-zuständig-sein”.  Und ich kenne keine Branche in der deutschen Volkswirtschaft, die ihre Arbeit so schlecht redet wie die Pflege selbst. Nehmen Sie als Beispiel die in einer Zeitung zitierte Aussage einer Heimleiterin aus Düsseldorf: „Ich versuche gerade, meinem Sohn den Pflegeberuf auszureden.“ Dann dürften wir uns über die mangelnde öffentliche Wertschätzung nicht wundern, auch nicht darüber, warum so wenig junge Menschen für diesen Beruf gewonnen werden können.

Und so habe ich in vielen Vorträgen auch am „Tag der Pflegenden“  den Mitarbeitenden zugerufen:
„Treten Sie selbstbewusster auf. Legen Sie die jammernde Opferrolle ab oder die Rolle der selbstlos Dienenden und demonstrieren Sie glaubwürdig ihre Professionalität. Denn Pflege ist eine hoch anspruchsvolle, komplexe und für unsere älter werdende Gesellschaft eine überaus wichtige und wertvolle Tätigkeit, die allerdings auch gerade deshalb besser vergütet werden muss. Begreifen Sie also die Macht der Pflege. Reden Sie in der Politik mit,  informieren Sie sich. Denn wer nichts weiß, muss alles glauben. Mischen Sie sich ein, entscheiden Sie mit, handeln Sie. Dies setzt allerdings voraus dass Sie sich als wertvoll, wichtig und kompetent fühlen. Sie müssen lernen, die Erfolge Ihrer Arbeit öffentlich zu kommunizieren und Ihren Beruf stärker wert zu schätzen, warum nicht nach dem Motto: „ Früher war ich selbstlos, jetzt gehe ich selbst los.“(Zulehner) Lieben wir also das was wir tun. Liebe zum Beruf bedeutet Liebe zum alten oder kranken Menschen, Liebe zu Menschen überhaupt.“

Diese Richtung bestärkt jetzt auch ganz aktuell die Pflegewissenschaftlerin Prof. Dr. Angelika Zegelin mit ihrem neuen „Mutmachbuch“. Hierin rüttelt sie die Branche auf, mehr Stolz, mehr Mut zu zeigen. In dem Buch „Berufsstolz in der Pflege – Das Mutmachbuch“ gibt die pensionierte Pflegewissenschaftlerin der Universität Witten/Herdecke – mit ihr habe ich während meiner beruflichen Tätigkeit gerne zusammengearbeitet – reichlich Empfehlungen für ein kämpferisches Selbstbewusstsein des Berufsstands. Im Interview mit der Trendinfo-Redaktion der BFS -Bank für Sozialwirtschaft Nr. 2/21 – hält die gelernte Krankenschwester mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg.

Im Klappentext des Buches „Berufsstolz in der Pflege – Das Mutmachbuch“ aus dem hogrefe-Verlag heisst es: „Das Buch zeigt, wie wichtig Berufsstolz für Pflegende in Ausbildung, Lehre und Praxis ist. Die Autoren klären, welche Mechanismen und Strategien helfen, um diese Haltung zu entwickeln. Sie beschreiben die Facetten des Berufsstolzes mit Identität, Individualität, Leidenschaft, Mut, Selbstwert, Sinnhaftigkeit, Wissen und Bildung. Die Inhalte stärken professionell Pflegende und machen ihnen Mut, gegen chronische Belastungen und ethische Dilemmata aktiv vorzugehen und unwürdige Situationen zu ändern. Arbeitsporträts und Berichte aus der Praxis bieten konkrete Rollenmodelle und Umsetzungstipps. Die Autoren vermitteln die Grundlagen der Lobbyarbeit im Pflegeberuf. Sie zeigen Pflegenden, wie sie sich erfolgreich darstellen können und Selbstbewusstsein nach außen vermitteln und verkörpern können.“

Allen in der Pflege möchte ich dieses Buch wärmstens ans Herz legen.