AUSSAGEN ZU LEBEN /QUARTIER

AUSSAGEN ZU WOHNEN / LEBEN /QUARTIER

„Der demographische Wandel findet dort statt, wo die Menschen leben, in den Kommunen, in den Wohn-Quartieren. Daher muss der lokale Sozialraum zentral in den Mittelpunkt aller Reformbestrebungen gerückt werden. Dort kann eine neue Kultur des sozialen Miteinanders wachsen, einer sorgenden Gesellschaft. Dort können die Kräfte aller Akteure zusammenwirken und gebündelt werden. Dort muss die Gestaltungsmacht liegen.“


„Um die soziale Betreuung und Pflege älterer Menschen in Zukunft leistbar, wirksam und finanzierbar zu erhalten, muss die Unterstützung  weiter in die Wohnquartiere verlegt werden. Diese Entwicklung darf nicht konterkariert werden durch den Bau großer, mit dem Sozialraum nicht vernetzter „Pflegebatterien“. Denn nur dort, wo Alt und Jung zusammenleben, lässt sich gegenseitige Hilfe in der Balance von Selbsthilfe und professionellen Angeboten organisieren. Familiäre Hilfe, Selbsthilfe und bürgerschaftliches Engagement unterstützen und ergänzen die Bereitstellung öffentlicher Daseinsvorsorge.“


„Wir werden auch in Zukunft Pflegeheime benötigen, gerade für die wachsende Zahl demenzkranker Menschen. Dies werden aber andere Einrichtungen sein müssen: Wohnhäuser mit Pflege, stadtteilbezogene Kleeblattsysteme, die sich in Bau, Konzeption, Organisation und Führung den Bedürfnissen und Wünschen dieser Hauptzielgruppen anpassen müssen: Wohnhäuser also, in denen die Bewohnerin oder der Bewohner den Rhythmus des Tages je nach ihren Gewohnheiten bestimmen. Doch wie oft ist es noch so in vielen Heimen, dass der Bewohner sein Leben danach ausrichten muss, wann das Geschirr wieder in der Küche zu sein hat.“


„Als alter Mensch mit Pflegebedarf, der auf ein Pflegeheim angewiesen ist, interessiert mich doch viel mehr: „Wo ist die nächste Kneipe, kann ich Sky- Bundesliga empfangen oder noch besser: wer fährt mit mir nach Dortmund ins Stadion, um meine von Kindesbeinen an geliebte Borussia zu sehen?“
Weitere wichtige Indikatoren für Lebensqualität und selbstbestimmte Teilhabe sind:
Kann ich Tag und Nacht ungestört Besuche in meinem Wohnraum empfangen?
Kann ich meine Sexualität leben?
Verfüge ich über einen eigenen Briefkasten?
Behalte ich mein eigenes Konto, auf das die Rente eingezahlt wird und zwar unabhängig vom Grad der Pflegebedürftigkeit.
Zur Autonomie gehört, dass Jede und Jeder eine Rechnung über die erbrachten Leistungen bekommt. Auch bei einer Demenzerkrankung und der rechtlichen Betreuung wird dies beibehalten, denn so können auch Angehörige, Betreuer und Nachbarn in die Versorgung mit einbezogen werden.
Werden die Menschen in den Pflegeprozess integriert, die ich mir gewünscht habe?
Werde ich darin unterstützt, bestehende Kontakte zu Vereinen, Nachbarn und zu Einrichtungen von Kultur, Sport weiterhin zu pflegen?
Behalte ich meinen Hausarzt?
Kann ich meine Bürgerrechte als Wähler wahrnehmen?
Kommen junge Menschen ins Haus, um mich beim Surfen im Internet zu unterstützen oder mir die neusten Apps auf zu spielen?“


„Das 1980 für die Wohnhäuser der Villa Gaue entwickelte zukunftsweisende Konzept der autarken Wohngruppen ist inzwischen nicht nur das Konzept in der Behindertenarbeit, sondern auch in der Altenpflege. Erwachsene mit einer geistigen Behinderung haben gleiche Lebensbedürfnisse wie alle Menschen, daher sind für sie normale Lebensbedingungen zu schaffen. Für jeden Menschen ist die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und das Erleben, integriert zu sein, von elementarer Bedeutung. Integration ist dann vollzogen, wenn Menschen mit Behinderungen die gleichen Wahlmöglichkeiten in allen Lebensbereichen, entsprechend ihren Wünschen und Möglichkeiten, erhalten wie Menschen ohne Behinderung. Normalisierung und Integration bedürfen der gesellschaftlichen Akzeptanz und des Angenommen-Seins in allenfalls Facetten, die Menschen mit Behinderungen zeigen können.“


„Daher sehe ich in Hausgemeinschaftskonzepten die große Chance einer radikalen Bewusstseinsänderung, noch stärker als in bisherigen Strukturen vom Bewohner aus zu denken und zu handeln und so Pflegeheime weiterzuentwickeln und ihren Stellenwert in der Gesellschaft zu vergrößern. In den Hausgemeinschaften wird die Beziehungspflege wirklich gelebt und in kleinen, relativ autarken Wohngruppen Beziehung gepflegt. Alte und pflegebedürftige Menschen sind und bleiben Persönlichkeiten. Mitarbeitende gehen mit ihnen bedeutungsvolle Beziehungen ein und beziehen sie so umfassend wie möglich in den Alltag des Heimes mit ein. Dann prägen nicht Krankheiten und Beeinträchtigungen sondern Würde, Autonomie, Teilhabe, Normalität, Freude und Spiritualität den Alltag. So können die drei „berüchtigten S“ – still, satt, sauber – ausgetauscht werden durch die drei „Z“ – Zeit, Zuwendung, Zärtlichkeit. Das beste Psychopharmakon ist immer noch menschliche Zuwendung. Dann sind Pflegeheime keine Orte mehr der „verkürzten Sprache oder des Verstummens“ (Koch Straube) bzw. „Wartezimmer zum Tode“ wie eine ältere Dame beim Bundeskongress „Wohnen der Zukunft – modernes Leben im Alter“ am 23.8.2006 in Berlin sagte.“


„Das Loslassen von festen Ablaufstrukturen und –programmen und das Erkennen des Wesentlichen, dessen, was der Bewohner wirklich braucht bzw. benötigt, verhindert Überfürsorge sowie Überversorgung, nimmt Pflegebedürftige nicht in die „Schutzhaft der Nächstenliebe“, sondern fördert die vorhandenen Ressourcen und Fähigkeiten der Bewohner und führt darüber hinaus auch zu einer spürbaren Arbeitsentlastung der Mitarbeitenden.“


„Das Grundprinzip ist: Normale Lebensgestaltung in einem beschützendem Rahmen, wobei sich der Alltag und die Tagesgestaltung nach den Wünschen, Bedürfnissen und Ressourcen der Bewohner richten. Dezentrale hauswirtschaftliche Versorgung steht im Mittelpunkt, wobei die Bewohner sich aktiv oder passiv an den hauswirtschaftlichen Aktivitäten beteiligen können. So erfahren sie ein Stück Normalität des Lebens.“


„Jeder Mensch, ob krank oder gesund, hat das Bedürfnis, ein wertvolles Mitglied in der Gemeinschaft sein zu können. Dieses Bedürfnis muss aber individuell wahrgenommen, aufgegriffen und gefördert werden. Dies muss nicht ergebnisorientiert und nicht immer die hauswirtschaftliche Aktivität sein.“


„In den Hausgemeinschaften erfahren gerade die demenzkranken Menschen Wertschätzung, auch wenn sie passiv sind. Sie werden in ihrem So-Sein respektiert und in die Gemeinschaft einbezogen.
Leitlinie dieses Konzeptes ist die einmalige und von Gott gegebene unverfügbare Würde jedes einzelnen demenzkranken Menschen. Wir respektieren und akzeptieren sie mit ihren biographischen, sozialen, gesellschaftlichen, kulturellen und religiösen Hintergründen.  Mit diesem Konzept können wir die Lebenssituation der betroffenen Menschen spürbar verbessern. Die Hausgemeinschaften führen zu einem deutlichen Mehrwert an Lebensqualität.“


„Fragen der Lebensqualität und  der sozialen Teilhabe sind zentrale Aufgaben einer sich sorgenden und solidarischen Gesellschaft. Je besser daher ein Heim oder Pflegedienst in das Gemeinwesen integriert ist, je intensiver Angehörige und Bürger zivilgesellschaftliche Qualitätsverantwortung mit tragen, umso weniger sind bürokratische Kontrollen erforderlich.“


„Es geht letztendlich um eine neue Kultur des Miteinanders in der geteilten Verantwortung von Familien, Ehrenamtlichen und professionellen Dienstleistern. Diese Kultur des Miteinanders muss sich von einem Menschenbild leiten lassen, das neben dem Respekt vor der Verletzlichkeit des Menschen, den Respekt vor den noch erhaltenen Ressourcen des Menschen akzentuiert, wie es der grosse deutsche Dichter Rainer Maria Rilke so unübertrefflich beschrieben hat:

„Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehen.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.
Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht:
bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang“.