Mut-Ausbruch

Die enorme gesellschaftliche Bedeutung der Pflege ist der Bevölkerung in dieser Corona-Pandemie noch deutlicher vor Augen geführt worden. Ob die Politik jedoch die in dieser Krise noch dramatischer gewordenen personellen und strukturelle Defizite zum Anlass nimmt, endlich die längst überfälligen und seit langem geforderten Reformen durchzuführen, bleibt zweifelhaft.

Ich erinnere nur an meine Untersuchung von 1991- also vor 30 Jahren !! – in der ich eine tägliche personelle Unterbesetzung von circa 30 Prozent in jedem deutschen Pflegeheim nachgewiesen habe. Lesen Sie hierzu den Artikel:
„Pflegenotstand – Der Skandal in der Altenpflege“.

Seitdem ist so gut wie nichts geschehen.

Daher befürchte ich, dass wegen dieser personellen Defizite und der jetzigen Überforderung durch die Pandemie noch mehr Pflegekräfte berufsmüde sind und aus der Pflege aussteigen.

Die Pflege fühlt sich nach einer Online-Befragung durch den DBfK – Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe – in der Corona-Pandemie nicht gut geschützt. Ein Drittel der befragten Pflegekräfte denkt regelmäßig über einen Berufsausstieg nach.

Dabei wäre gerade jetzt der Zeitpunkt gekommen, dass Pflegekräfte sich ihrer großen Bedeutung für die Gesellschaft bewusster werden, nicht klagen und jammern, sondern mit einer Stimme sprechen und notwendige Veränderungen von der Politik einfordern. 

In meiner Zeit als Geschäftsführer eines renommierten Sozialunternehmens habe ich jahrzehntelang politisch für gravierende Veränderungen gekämpft und gleichzeitig in „meinem“ Unternehmen optimale Arbeitsbedingungen geschaffen, was auch die mehrfachen Auszeichnungen „Beste Arbeitgeber Deutschlands bzw. im Gesundheitswesen belegen. Lesen Sie hierzu auch meine Beiträge zum Thema Führung und Management und hier besonders das Kapitel Mitarbeitende sind das kostbarste Vermögen.

Doch auch die Pflegekräfte selbst müssen noch viel selbstbewusster und mutiger auftreten. Sie müssen lernen, sich selbst, ihre Arbeit und ihren Beruf wertzuschätzen, stolz auf ihre Leistung zu sein und ihre Erfolge sichtbar zu machen. So habe ich jedes Heim verpflichtet, jährlich die Pflegeerfolge zu beschreiben und zu kommunizieren. Dazu zählen die wiedergewonne Autonomie, die erhaltene oder neue Lebensfreude der Bewohner, das Überflüssigmachen lebenseinschränkender Maßnahmen, das Aufrechterhalten sozialer Netzwerke des Bewohners, die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, das Verhindern von Risiken oder die Absenkungen der Pflegestufe in Folge guter fachlicher Arbeit. So entwickeln Mitarbeitende Stolz auf die eigene Arbeit und erreichen damit auch eine andere, verbesserte gesellschaftliche Anerkennung.

Dabei gilt es gerade in Sozialunternehmen zwei typische, ansteckende und damit gefährliche in vielen Einrichtungen vorkommende Viren auszurotten: „Jammern-und-klagen” und „Nicht-zuständig-sein”.  Und ich kenne keine Branche in der deutschen Volkswirtschaft, die ihre Arbeit so schlecht redet wie die Pflege selbst. Nehmen Sie als Beispiel die in einer Zeitung zitierte Aussage einer Heimleiterin aus Düsseldorf: „Ich versuche gerade, meinem Sohn den Pflegeberuf auszureden.“ Dann dürften wir uns über die mangelnde öffentliche Wertschätzung nicht wundern, auch nicht darüber, warum so wenig junge Menschen für diesen Beruf gewonnen werden können.

Und so habe ich in vielen Vorträgen auch am „Tag der Pflegenden“  den Mitarbeitenden zugerufen:
„Treten Sie selbstbewusster auf. Legen Sie die jammernde Opferrolle ab oder die Rolle der selbstlos Dienenden und demonstrieren Sie glaubwürdig ihre Professionalität. Denn Pflege ist eine hoch anspruchsvolle, komplexe und für unsere älter werdende Gesellschaft eine überaus wichtige und wertvolle Tätigkeit, die allerdings auch gerade deshalb besser vergütet werden muss. Begreifen Sie also die Macht der Pflege. Reden Sie in der Politik mit,  informieren Sie sich. Denn wer nichts weiß, muss alles glauben. Mischen Sie sich ein, entscheiden Sie mit, handeln Sie. Dies setzt allerdings voraus dass Sie sich als wertvoll, wichtig und kompetent fühlen. Sie müssen lernen, die Erfolge Ihrer Arbeit öffentlich zu kommunizieren und Ihren Beruf stärker wert zu schätzen, warum nicht nach dem Motto: „ Früher war ich selbstlos, jetzt gehe ich selbst los.“(Zulehner) Lieben wir also das was wir tun. Liebe zum Beruf bedeutet Liebe zum alten oder kranken Menschen, Liebe zu Menschen überhaupt.“

Diese Richtung bestärkt jetzt auch ganz aktuell die Pflegewissenschaftlerin Prof. Dr. Angelika Zegelin mit ihrem neuen „Mutmachbuch“. Hierin rüttelt sie die Branche auf, mehr Stolz, mehr Mut zu zeigen. In dem Buch „Berufsstolz in der Pflege – Das Mutmachbuch“ gibt die pensionierte Pflegewissenschaftlerin der Universität Witten/Herdecke – mit ihr habe ich während meiner beruflichen Tätigkeit gerne zusammengearbeitet – reichlich Empfehlungen für ein kämpferisches Selbstbewusstsein des Berufsstands. Im Interview mit der Trendinfo-Redaktion der BFS -Bank für Sozialwirtschaft Nr. 2/21 – hält die gelernte Krankenschwester mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg.

Im Klappentext des Buches „Berufsstolz in der Pflege – Das Mutmachbuch“ aus dem hogrefe-Verlag heisst es: „Das Buch zeigt, wie wichtig Berufsstolz für Pflegende in Ausbildung, Lehre und Praxis ist. Die Autoren klären, welche Mechanismen und Strategien helfen, um diese Haltung zu entwickeln. Sie beschreiben die Facetten des Berufsstolzes mit Identität, Individualität, Leidenschaft, Mut, Selbstwert, Sinnhaftigkeit, Wissen und Bildung. Die Inhalte stärken professionell Pflegende und machen ihnen Mut, gegen chronische Belastungen und ethische Dilemmata aktiv vorzugehen und unwürdige Situationen zu ändern. Arbeitsporträts und Berichte aus der Praxis bieten konkrete Rollenmodelle und Umsetzungstipps. Die Autoren vermitteln die Grundlagen der Lobbyarbeit im Pflegeberuf. Sie zeigen Pflegenden, wie sie sich erfolgreich darstellen können und Selbstbewusstsein nach außen vermitteln und verkörpern können.“

Allen in der Pflege möchte ich dieses Buch wärmstens ans Herz legen.

 

Lebensqualität trotz Infektionsschutz

Das ZQP – Zentrum für Qualität in der Pflege – hat einen Ratgeber zum Infektionsschutz und zur Lebensqualität in Pflegeheimen während der Pandemie erarbeitet. Hier zu schreibt das ZQP:

„Für Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen sind Infektionsschutzmaßnahmen angesichts der Gefahren durch SARS-CoV-2 ganz besonders wichtig. Gleichzeitig können Schutzmaßnahmen wie Kontaktbeschränkungen oder Abstandsgebote die Lebensqualität älterer pflegebedürftiger Menschen erheblich beeinträchtigen und gesundheitliche Risiken bergen. Wenn der Infektionsschutz beispielweise mit einem Mangel an Zuwendung, Bewegung oder Beschäftigung einhergeht, können damit negative psychische und physische Konsequenzen verbunden sein. Solche problematischen Folgen müssen daher minimiert und die Lebensqualität bestmöglich aufrechterhalten werden.“

Diesen sehr guten Ratgeber empfehle ich allen Verantwortlichen in der Pflege.

Endlich: Doch Unterstützung durch die Bundeswehr!

In meinem letzten Beitrag „Die Bundeswehr als Retter der Pflegeheime?“ schrieb ich zum Schluss: „Gerade erhalte ich die Nachricht, dass die Bundeswehr jetzt doch nicht in jedem Pflegeheim eingesetzt werde, da es sich nicht um einen Katastrophenfall handele!“

Nun scheint endlich einer der vielen Wirrwarr-Knäuls im Pandemie-Management aufgelöst. Die Bundeswehr kann nun doch in den Pflegeheimen aushelfen.

Das Ziel ist eigentlich schon seit Langem klar. Pflegeheime müssen in der Pandemie besonders geschützt werden. Bereits vor Wochen hat die Bundesregierung deshalb beschlossen, den Einrichtungen vermehrt Schnelltests zur Verfügung zu stellen, damit das Virus durch Besucher und Pflegekräfte gar nicht erst in die Heime eingebracht wird.

Das Problem, auf das ich immer wieder hinweise: den meisten Einrichtungen fehlt es an Mitarbeitenden, die Schnelltest durchführen können. Daher sind zusätzliche Aufgaben – wie die systematische engmaschige Testung – unmöglich zu stemmen.

Schnelle Abhilfe sollte der Einsatz der Bundeswehr leisten und nach einer Schulung auch die Abstriche für die Tests vornehmen. Allerdings herrschte seither bei den Städten und Landkreisen große Unsicherheit darüber, wer die Kosten solcher Einsätze trägt. Normalerweise zahlt die Kommune, die im Katastrophenfall Amtshilfe einfordert, anschließend auch die Rechnung. In der Corona-Pandemie soll das aber nun nicht mehr gelten – das hat das Bundeskabinett am Mittwoch beschlossen.

Demnach können die Bundeswehr und andere Bundesbehörden für Hilfeleistungen, die sie im Rahmen der Amtshilfe bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie erbracht haben, auf die Erstattung der Auslagen verzichten. Die Regelung gilt rückwirkend ab dem 1. März 2020 und ist zunächst bis zum Ende dieses Jahres befristet.

Kramp-Karrenbauer hatte zwar immer wieder betont, dass die Amtshilfe für die Kommunen kostenlos sei. Doch Wege bestehender Unsicherheiten hat es aber bis zuletzt Unsicherheiten gegeben. Auch deshalb war der Einsatz der Soldaten nur sehr zögernd in Gang gekommen. Bisher waren mit Stand vergangenen Montag nach Ministeriumsangaben erst bundesweit 747 Frauen und Männer in Altenheimen aktiv. Kramp-Karrenbauer sagte am Mittwoch im ZDF-„Morgenmagazin“. „Ich kann nur dafür werben, dass jeder wirklich diese Hilfe in Anspruch nimmt, denn mit jeder Infektion, die nicht in ein Altenheim getragen wird, retten und schützen wir Leben“,

Bei den Kommunen stieß der Kabinettsbeschluss auf Erleichterung. Umständlich bleibt die Anforderung der Soldaten dennoch. Denn Anträge können nicht die einzelnen Einrichtungen selbst stellen, sondern nur die Städte und Landkreise als Heimaufsichtsbehörden. Sie müssen den Bedarf bei den Trägern erheben und dann ein Amtshilfeersuchen stellen. Bei der Caritas hat man bereits gute Erfahrungen mit den Hilfskräften aus der Bundeswehr gemacht. Nach meinen Recherchen erhalten schon jetzt einige Einrichtungen Unterstützung der Bundeswehr so zum Beispiel in Berlin, in Bayern und auch in Nordrhein-Westfalen. Die Erfahrungen sind durchweg positiv, die zusätzlichen Kräfte sind eine wertvolle Entlastung.

Erleichterung für die Einrichtungen könnte auch die Corona-Testhilfe-Hotline der Bundesanstalt für Arbeit bringen, die am Montag freigeschaltet wurde. Hier können sich Freiwillige für den Schnelltest-Einsatz in Alten- und Pflegeheimen melden. Sie werden zuvor vom Roten Kreuz geschult. 

Die Bundeswehr als Retter der Pflegeheime?

Nach der ersten Welle der Pandemie beteuerten Politiker und Behörden: Von nun an schützen wir die besonders Bedrohten – die Älteren in den Pflegeheimen. Doch dieses Versprechen hielten sie nicht. 

Viele Corona-Tote lassen sich auf Ausbrüche in Pflegeheimen zurückführen. In Schleswig-Holstein etwa waren es im Dezember rund 90 Prozent aller Fälle. Bereits vor ein paar Wochen erklärte das Robert-Koch-Institut: Man zähle fast doppelt so viele Ausbrüche wie in der ersten Welle. Gelange das Virus in ein Heim, stecke es durchschnittlich 20 Personen an.

Bewohner und Mitarbeitende kommen sich nah, dazu die Besuche der Familie. Kurzum: sehr viele Kontakte und sehr viele alte Menschen – perfekte Bedingungen für das Virus, um großen Schaden anzurichten. Bundeskanzlerin Angela Merkel  sagte Anfang der Woche in einer Sitzung der Unionsfraktion laut Teilnehmern, die Lage in den Heimen betrübe sie.

Es stellt sich die Frage, wie es dazu kommen konnte. Schon in der ersten Welle der Pandemie waren die Heime mit ihren etwa 800.000 Bewohnerinnen und Bewohnern jene Orte, in denen das Virus besonders heftig um sich griff. Beinahe alle Pflege-Experten mahnten, dies dürfe sich nicht wiederholen.

Viele Heime hatten sich damals zunächst abgeschottet – sodass die Bewohner vereinsamten. Das sollte sich nicht wiederholen. Nach einer breiten gesellschaftlichen Diskussion folgte ein Mittelweg: offen sein für notwendige Besuche und doch geschützt vor dem Virus, so gut es geht.

Im Oktober, als die zweite Welle sich erst langsam anbahnte, warnte Gesundheitsminister Jens Spahn  im Gesundheitsausschuss: Alle Studien zeigten, die Hauptrisiko-Korrelation sei das Alter. Alle Beteiligten waren sich damals einig, dass drei Dinge notwendig seien, um die Älteren zu schützen: Schutzmaterial, Schnelltests und ausreichend Personal für eine Branche, in der schon zu normalen Zeiten mehr als 20 Tausend Mitarbeitende fehlen bzw. eine 30 prozentigen tägliche personelle Unterbesetzung in jedem deutschen Pflegeheim besteht, worauf ich seit 1991 !! hinweise. Kein Wunder also, dass die Maßnahmen nicht ausgereicht haben.

Doch warum konnten die Infektionen nicht verhindert werden? Das geringste Problem scheint das Schutzmaterial, es gibt – anders als im Frühjahr – genug FFP2-Masken, berichten Heimleiter. Auch die Idee mit den Tests schien zunächst gut anzulaufen: Ab Herbst sollten alle, die Heime betreten, per Schnelltest zuvor überprüft werden, mindestens zweimal pro Woche – so lautete die vage Vereinbarung zwischen Bund und Ländern.

Allerdings: Eine tatsächlich verbindliche Abmachung wurde erst Mitte Dezember getroffen: Die Kosten für die Testkits übernehmen die Krankenkassen, die Heime mussten sie nur noch beschaffen. Zusätzlich aber mussten sie Helfer finden, die die Tests durchführen, denn das kostet Zeit. Und so sind wir wieder beim Kernproblem. Eine solche Zusatzaufgabe ist im Alltag eines Heimes kaum zu bewältigen. Mehr Personal wäre notwendig.

Schaut man auf die Todeszahlen rächt sich, dass in den Pflegeheimen viel zu spät und zu wenig getestet wurde. Pflegeheime – so habe ich gefordert – müssten daher zu „besonderen Schutzzonen“ werden – alle, die dort leben, arbeiten sowie ein- und ausgehen, müssten getestet werden.

Kurz vor Weihnachten spitzte sich die Personalknappheit vielerorts zu. Die Infektionslage wurde schlimmer, gleichzeitig mussten die Heime jetzt auch noch die bald anstehenden Impfungen organisieren. Die meisten Heime setzten ein neues Sicherheitskonzept um: Zugang zum Heim nur noch mit negativem Schnelltest. Ein enormer Aufwand, immer muss ein Mitarbeiter am Eingang stehen, um die Daten der Besucher aufzunehmen.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege wies darauf hin, dass bundesweit etwa jedes dritte Heim händeringend nach Hilfskräften für die Testungen, je zwei Kräfte pro Einrichtung, suche. Das bedeutet:  rund 9300 Hilfskräfte. Nur: Wo sollen sie herkommen? und das bei der oben beschriebenen personellen Unterdeckung von 30 Prozent vor der Corona-Pandemie!

Mit Überstunden und eng getakteten Dienstplänen ließ sich der vorhanden personelle Notstand  jedoch meist notdürftig überdecken. Nun spitzt sich die Lage dramatisch zu: Der Betreuungsbedarf wächst, auch wegen der strengen Hygienevorschriften. Zeitarbeiter können diesen Engpass nur kurzfristig abfedern – und verschärfen dabei sogar das Risiko einer Ansteckung. Denn dadurch gibt es oftmals eine hohe Fluktuation an Mitarbeitern und dies führt in Zeiten der Pandemie zu einem erhöhten Infektionsrisiko.

 Bundeskanzlerin Angela Merkel sah zu wenig Fortschritt und machte kurz vor Weihnachten den Personalmangel zur Chefsache. Sie rief zum informellen Krisengipfel im Kanzleramt. Merkel bat Spitzenvertreter von Wohlfahrtsverbänden, Hilfsorganisationen, Seniorenvertretungen und Kommunalverbänden zu sich. Ihre Idee: Zentral organisiert vom Bundeskanzleramt, sollten bald schon Tausende externe Kräfte in die Heime entsendet werden.

Ein besserer Vorschlag kam vom  Generalsekretär des Deutschen Roten Kreuzes, Christian Reuter : Alle Bundesländer sollten in die Lage versetzt werden, den Katastrophenfall auszurufen, so wie Bayern es bereits getan hatte. Dies sei der schnellste Weg, um die ehrenamtlichen Sanitätshelfer vom Roten Kreuz, der Feuerwehr oder des Technischen Hilfswerks loszuschicken. Das Kanzleramt aber lehnte ab, wahrscheinlich wollte man sich nicht noch einmal mit den oft eigenwilligen Länderchefs abstimmen.

Stattdessen beauftragte das Kanzleramt die Bundesagentur für Arbeit, innerhalb von Wochen eine neue Internetplattform und Telefonhotline zu installieren, über die bundesweit Hilfskräfte angeworben werden sollten. Am 11. Januar, so die Vorgabe des Kanzleramts, sollte die Plattform starten. Doch vieles war ungeklärt. Etwa: Wer genau sollte die Hilfskräfte bezahlen, die 13 Euro pro Stunde erhalten sollten? Wie könne deren Qualifikation überprüft werden? Fragen warf auch die Verteilung der Helfer über das Bundesgebiet auf. Das Ergebnis: Die Plattform ist nach wie vor noch nicht  scharfgestellt und wird es wohl auch nicht mehr.

Der Präsident des Deutschen Caritasverbandes, Peter Neher, sagt: „Die nächsten zwei bis vier Wochen werden für die Einrichtungen der Altenhilfe im Kampf gegen das Virus entscheidend sein: Solange wird es noch dauern, bis die meisten Bewohnerinnen und Bewohner in den Heimen den vollen Impfschutz genießen.“ Der Weg über die Vermittlungsplattform der Bundesagentur für Arbeit sei „erkennbar für die überforderten Strukturen vor Ort nicht ausreichend“, da deren Auswahl und Schulung zusätzlich organisiert werden müsse. Neher fordert deshalb, den bisher ignorierten Vorschlag endlich umzusetzen: Deutschlandweit Sanitäter von Rotem Kreuz und aderen Hilfsorganisationen heranzuziehen, auch die Bundeswehr.

An alternativen Vorschlägen aus der Politik mangelt es nicht. Die Grünen-Pflegeexpertin im Bundestag, Kordula Schulz-Asche, plädiert etwa für kommunale Krisenstäbe, die die Lage in den Heimen im Blick behalten und im Notfall regionale Kriseninterventionsteams in die Heime schicken sollen. Und FDP-Gesundheitsexperte Schinnenburg schlägt vor, Studenten in die Heime zu schicken, die Studentenjobs wegen Corona verloren haben.

Mittlerweile ist das Personalproblem bei den Testungen nicht mehr das einzige in den Heimen. Hinzu kommt, dass viele Pflegekräfte sich offenbar nicht impfen lassen wollen – obwohl sie viele Risikokontakte haben. Hier liegt m.E. ebenfalls ein Versäumnis der Politik: Sie hätte Pflegekräfte direkter ansprechen und von Beginn an mitnehmen müssen, durch Informationsgespräche oder Broschüren.

Der Pflegeheimverband bpa schätzt auf Basis von Daten aus Nordrhein-Westfalen, dass es derzeit in mehr als jedem vierten Heim ein Infektionsgeschehen gibt. Das wären gut 3500 der insgesamt rund 14.000 stationären Pflegeeinrichtungen im Land. Deutlich aussagekräftiger als die Zahl der Infizierten, heißt es beim bpa, sei die Zahl jener, die im Heim an Covid-19 sterben. Von den mehr als 24.000 Menschen, die allein seit dem 1. Dezember am Virus starben, waren die meisten Heimbewohner.

Und so fällt umso mehr auf, wer tatsächlich handelt. Die Verteidigungsministerin etwa, die zum Schutz der Bewohner bis zu 10.000 Soldaten für Corona-Tests in die Heime abkommandieren will. Auch Annegret Kramp-Karrenbauer hatte offenbar die Geduld verloren, der Lage einfach weiter zuzuschauen. Den Schwächsten, sagte sie, müsse geholfen werden.

Gerade erhalte ich die Nachricht, dass die Bundeswehr jetzt doch nicht in jedem Pflegeheim eingesetzt werde, da es sich nicht um einen Katastrophenfall handele!

So bleibt doch wieder alles an den zu wenigen und überbelasteten Pflegenden hängen. Wie schlimm muss es eigentlich noch werden?

Wunsch für 2021

 

Illuminating Yellow      Ultimate Gray

Wie Jedes Jahr legt das amerikanische Farbinstitut Pantone die Trendfarbe fest, die die Stimmung für das kommende Jahr einfangen soll.

Für 2021 sind das sogar zwei Töne, die nicht unterschiedlicher sein können.  Zwei Farben, die gemeinsam für Freude – GELB
und für das Unbekannte – GRAU – stehen sollen.

Das GELB der Sonne,
der Optimismus und die Lebendigkeit
sowie das GRAU
für Gelassenheit, Zuversicht
und Widerstandsfähigkeit
mögen im kommenden Jahr unsere Begleiter sein.

 

Idee und Gestaltung: Petronella Stoffer-Sitsen
Interieur & Design – www.design-farben.info

Sterne

„Sterne“

Altbewährter Leinenzwirn
umkreist den Stern.
Die Sterne des Alltags gibt es noch,
den Stern der Verheißung immer.

 – Margarete Keith –

Das traurigste Weihnachten – vor allem für Heimbewohner und Mitarbeitende

Die meisten Heimbewohner werden in diesem Jahr zu Weihnachten ihre Familie nicht besuchen können und selbst wahrscheinlich wegen der Kontaktbeschränkungen auch nicht besucht werden.

Die Einsamkeit, die bereits in der jüngsten Vergangenheit erlebte Verarbeitung schwerer Krankheit, das Sich-Einstellen auf den herannahenden Tod ohne kontinuierliche Kontakte mit nahestehenden Personen bedeutet, diese Menschen im Heim in einer Grenzsituation völlig allein zu lassen.

Das ist ethisch und fachlich unerträglich.

Ich kenne Pflegeheime mit katastrophaler personeller Besetzung. Dort geraten dann die Corona-Maßnahmen ins Hintertreffen. Es treten extreme menschliche Härten auf. Zumindest das hätte man nach dem ersten Lockdown korrigieren können. Den unwürdigen und unverhältnismäßigen Kontaktverboten, wie ich sie schon am 20.4.2020 in meinem Beitrag „Gefangen im Pflegeheim?“  beschrieben habe, hätte man auch mit mehr  Kontrolle und Prävention begegnen können.

Stattdessen gelten wieder fantasielose Kontaktverbote und massive Einschränkungen, weil es versäumt wurde, vorausschauende Konzepte zu entwickeln. Warum werden z. B. nicht Formen virtuellen Kontaktes ermöglicht und Angebote bereitgestellt, die ihrerseits zur Integration, Teilhabe und Lebensqualität  für die Heimbewohner beitragen? Allerdings darf der virtuelle Kontakt nur als Ergänzung und nicht als Ersatz für den physischen Kontakt zu verstehen sein.

Während des ersten Lockdowns sahen sich die Heimbewohner plötzlich eingesperrt und vom öffentlichen Leben abgeschnitten. So ist es jetzt auch wieder. In den Heimen, die ich kenne, gibt es keine Beschäftigungstherapie, keine gemeinsamen Mahlzeiten. Heime sollen sogar medizinische Physio- und Ergotherapie unterbinden. 

So berechtigt Maßnahmen zur Eindämmung des aktuellen Infektionsgeschehens auch sind, so verschlechtert sich die Lebenssituation der Betroffenen ganz erheblich. 

Wenn Träger ihre Häuser vor der Außenwelt abschotten, dann sollte zumindest hinter den Mauern noch Leben möglich sein. Es muss erlaubt sein, sich untereinander zu sehen, sich gegenseitig zu besuchen. Denn ohne Kontakt zur Außenwelt besteht ja keine Ansteckungsgefahr.

Lesen Sie hierzu auch die „Pflegeethischen Leitlinien – Grundrechte und ethische Prinzipien sind nicht verhandelbar“ der Pflegeethik Initiative.

Wo waren die Tests, die der Gesundheitsminister Jens Spahn ab Oktober für alle Heime versprochen hatte, für die Besucher, die Bewohner und die Mitarbeitenden? Was völlig außen vor blieb: auch Fremdpersonal ist nicht immun gegen Corona. Heime berichten mir, dass Leihpflegekräfte noch nie getestet wurden, aber jeden Tag woanders arbeiten. Unverantwortlich, denn viele gehen mit Symptomen arbeiten, weil sonst niemand da ist und die Kollegen ohne sie die einzelnen Schichten nicht sicherstellen können.

Unverantwortlich ist aber auch, dass nun auf die Pflegenden weitere belastende Aufgaben wie das regelmässige Testen von Bewohnern, Kolleginnen, Besuchern zukommen. Und gleichzeitig sollen sie auch noch  über die Feiertage die Angehörigen – Tochter, Sohn, Enkelin – ersetzen und damit Rollen übernehmen, die sie kaum ausfüllen können. 

Die Tatsache, dass wir der Pflege in der Vergangenheit nicht die nötige Aufmerksamkeit geschenkt haben, schlägt uns in Zeiten der Pandemie nun mit voller Wucht entgegen. Die Personalausstattung war schon in der Vergangenheit für die tägliche Arbeit unzureichend – ich kann es schon selbst nicht mehr hören, dass ich seit 32 Jahren auf die tägliche personelle Unterbesetzung von circa 30 Prozent  hinweise. 

Die Pandemie zeigt uns noch deutlicher, dass wir ungleich mehr in die Arbeitsbedingungen von Pflegefachpersonal investieren müssen. Es sind alle Ressourcen zur Verfügung zu stellen, die Heime benötigen, auch um regelmäßige und von Besuchern gewünschte Besuche zu ermöglichen.

In Deutschland sind 90 Prozent der Corona-Toten 80 Jahre oder älter. Für entsprechende Maßnahmen scheint dies aber nach wie vor trotz gegenteiliger Versprechungen keine Rolle zu spielen, denn die Politik hätte schon viel früher intervenieren können. Praktische Vorschläge zum Schutz der Älteren lagen sehr früh vor.

Ich hatte gehofft, dass die Zeiten vorbei sind, dass die Älteren nichts gelten, dass Demenz, Vulnerabilität und Gebrechlichkeit peinlich sind, dass sie dorthin gehören, wo man sie nicht sehen kann. Doch jetzt erleben wir noch stärker, dass mangelnde Mitmenschlichkeit grösstenteils in der Gesellschaft fehlt, dass es offensichtlich normal ist, wenn Menschen nur noch vor sich hin- starren, hospitalisiert und apathisch sind. Wiederholt hört man auch, es komme doch nicht darauf an, ob alte Menschen an Corona sterben oder nicht. Ein paar Monate Lebenszeit mehr oder weniger dürfte angesichts des enormen Lockdown-Aufwands doch keine Rolle spielen.

Das ist mehr als zynisch, und ist ethisch und moralisch verwerflich.

Der neue Lockdown wäre vermeidbar gewesen, wenn alle Verantwortung übernommen hätten und die politischen Entscheidungsträger auf uns Pflegefachleute gehört hätten. Jetzt kommt es umso mehr auf kompetente Führungskräfte an, die bei den hochengagierten Mitarbeitenden sind und  nicht wahllos Aushilfskräfte einstellen, sonst nimmt das Unheil weiter seinen Lauf.

Tatsache ist, dass die Politik die Heime nach wie vor im Stich lässt und ihnen weitere Verantwortlichkeiten aufbürdet. Und an Zynismus  ist es nicht zu überbieten, wenn sich Geschäftsführer und Prokuristen eines grossen Heimbetreibers  mit einem „frohen Neujahrsgruß“  an ihre Mitarbeitenden in den Weihnachtsurlaub verabschieden.

Auch die aktuellen Forderungen des Ethikrates sind deutlich: mehr Personal und schnelle Entlastung durch externe Kräfte, ehrenamtliche Helfer. Mehr Gelder aus der Pflegekasse. Mehr Testkapazitäten, mehr Personal dazu!

Es kann und darf in der Pflege so nicht weitergehen !

AdventsZeit

Bruder-Klaus-Kapelle, Wachendorf

Wir zünden gerne für andere eine Kerze an. Damit drücken wir unsere Hoffnung aus, dass Gott das Leben dessen erhellt, für den wir die Kerze angezündet haben. Die Kerze zeigt unsere Solidarität mit all den Menschen, in deren Herzen es dunkel geworden ist. Und wir möchten selbst zum Licht werden für andere, durch eine helle und liebevolle Ausstrahlung. 

                                                    Anselm Grün

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine erfüllte adventliche Zeit.

Wird endlich das Kernproblem der Altenpflege gelöst?

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn ist mit ersten Eckpunkten für eine Pflegereform eine Überraschung gelungen. Damit werden die Voraussetzungen für die wichtigsten Reformschritte geschaffen: die bessere Bezahlung von Pflegekräften und das Personal-Bemessungssystem.

Auslöser ist offensichtlich die Personal-Bemessungsstudie von Prof. Dr. Heinz Rohgang und seinem Team der Universität Bremen, die nachweist, dass 36 Prozent mehr Personal in der vollstationären Pflege erforderlich ist, um die anfallenden Aufgaben sach- und fachgerecht ausführen zu können. 

Dieses Ergebnis hätte man schon viel früher haben können: bereits 1991 – also vor 29 Jahren !! – habe ich offensichtlich als Erster in Deutschland in einer eigenen Unternehmensstudie  die tägliche personelle Unterbesetzung von circa 30 Prozent nachgewiesen. Und seit dieser Zeit ist so gut wie nichts geschehen. 

Jetzt wird die Politik endlich gezwungen, das Kernproblem der Altenpflege zu lösen.

 

Ältere Menschen und Digitalisierung – Es muss dringend mehr geschehen

Am 12. August 2020 wurde der Achte Bericht zur Lage der älteren Generation in der Bundesrepublik Deutschland zum Thema „Ältere Menschen und Digitalisierung“ – einem der grundlegenden Veränderungsprozesse unserer Zeit. veröffentlicht.

Gerade in der Zeit der Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen haben viele ältere Menschen erkannt, welche Möglichkeiten digitale Kommunikations- und Informationstechnologien ihnen bieten und haben diese stärker als bisher für sich genutzt, so zum Beispiel Video-Telefonate mit der Familie, digitale Nachbarschaftsplattformen, um gegenseitige Hilfe und Unterstützung zu organisieren oder Gespräche mit dem Arzt, die nun häufiger als Video-Sprechstunden stattfinden.

Die Voraussetzungen für digitale Teilhabe älterer Menschen ist allerdings noch nicht überall gegeben. Es fehlt es am nötigen Wissen, an Unterstützung oder an finanziellen Möglichkeiten, um sich digitale Geräte anzuschaffen. 

Erhebliche Unterschiede bestehen auch aufseiten der Pflegeanbieter, konstatiert der Report: Sie reichen von visionären Prototypen für den Einsatz von Robotik und Künstlicher Intelligenz bis hin zu zahlreichen Pflegeheimen, die noch immer ohne Internetzugang und WLAN für die Bewohner*innen sind.

Die Auswirkungen der Digitalisierung auf das Leben im Alter zeigen sich, – so die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend –
Franziska Giffey in ihrem Vorwort, beim Wohnen, in der Pflege, bei der Mobilität, in der gesundheitlichen Versorgung und in der Organisation von Sozialräumen. Die Sachverständigen-Kommission hat für diese Lebensbereiche untersucht, welche digitalen Technologien hier von Bedeutung sind, welche Entwicklungen sich abzeichnen und wie sie sich auf das Leben im Alter auswirken.

Experten kritisieren, dass digitale Teilhabe oft bereits an der Infrastruktur scheitere. Der Altersbericht liefert folgerichtig eine zwölf Punkte umfassende Liste erforderlicher Maßnahmen zum Ausbau digitaler Angebote für die ältere Generation. Eine Auswahl:

  • Damit alle auf dem Weg in die Digitalisierung mitgenommen werden, bedarf es bundesweit schnelles und mobiles Internet – auch auf dem Land. Außerdem empfehlen die Experten die kostenfreie Bereitstellung von Internetzugängen im öffentlichen Raum (allen voran in Rathäusern, Bahnhöfen, Quartieren und Verkehrsmitteln).
  • Förderung der Teilhabe an digitalen Technologien für ältere Menschen mit geringem Einkommen und Grundsicherung.
  • Digitale Souveränität setzt Wissen und Verstehen voraus – beides kann laut Altersbericht durch die Schaffung von Lern- und Experimentierräumen gefördert werden. Ältere hätten somit die Chance, digitale Technologien auszuprobieren und sich mit ihren Potenzialen und Risiken auseinanderzusetzen.
  • Stärkung der digitalen Daseinsvorsorge vor Ort durch Landkreise und Kommunen, etwa mittels Vernetzung von Quartieren mitsamt zugehöriger Sorgestrukturen.
  • Verankerung der Beschäftigung mit digitalen Bedarfen älterer Menschen in der Ausbildung relevanter Berufsgruppen, etwa im sozialen Bereich, in Handwerk, Verwaltung und Architektur.
  • In Forschung und Entwicklung sollten frühzeitig die Erkenntnisse der Gerontologie, der Geriatrie und der altersbezogenen Sozial- und Pflegewissenschaften integriert werden, um den digitalen Nutzungsgewohnheiten Älterer gerecht werden zu können.

„Der Bericht ist gut, aber jetzt muss auch etwas passieren“, zitiert die Ärzte- Zeitung den Vorsitzenden der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO) und frühere SPD-Chef, Franz Müntefering. Die BAGSO fordert analog zum „DigitalPakt Schule“ einen „Digitalpakt Alter“, um den digitalen Kompetenzerwerb in der nachberuflichen Lebensphase zu erleichtern.

Die aufschlussreichen Ergebnisse können Sie hier in einer Kurzfassung nachlesen.