Wunsch für 2020

 

 

CLASSIC BLUE

Das amerikanische Farbinstitut Pantone
bestimmt jedes Jahr die Farbe des Jahres.
Für 2020 wurde Classic Blue gewählt.
Die Wahl der Trendfarbe
hat maßgeblichen Einfluss auf
Design, Mode, Interieur und die Kunstwelt.
Auch Farbpsychologen stützen sich auf diese Prognose.
Classic Blue steht für das Leuchtende Blau.

In der Farbpsychologie symbolisiert Blau
Harmonie, Entspannung und Vertrauen,
aber auch Ordnung und Struktur.

Die Trendfarbe 2020 steht damit diametral
zur momentanen Weltsituation.
Die Welt ist im Umbruch.
Und die Menschen sehnen sich in dieser
schnelllebigen Zeit nach
Beständigkeit, Vertrauen und Hoffnung.

Die Zuversicht des BLAU’s
möge der Wunsch sein für ein
friedvolles Jahr 2020

Idee + Gestaltung Petronella Sitsen 1/2020

Post für Herrn Ullrich


„Post für mich?“ .fragte er durch die Luke. Nur wer ihn besser kennt, sieht die Anspannung in seinem Gesicht, die zusammengekniffenen Augen, das leichte Zittern der Lippen. Sein weißes Haar ist noch ungekämmt. Er geht immer nach dem Aufstehen gleich fragen. Aus dem abgetragenen Bademantel mit den verblichenen blauen Streifen schauen dünne Beine heraus, die Haut wie Pergament.

„Warten Sie“, ruft Susanne. „Ich sehe gleich nach, Herr Ullrich!“ Sie geht zu den Postfächern und schaut. „Heute nicht, Herr Ullrich.“

Würdest du daneben stehen und dieses „Heute nicht“ hören, du dächtest sofort, Herr Ullrich bekommt sonst jeden Tag Post. Aber dem ist nicht so.
Herr Ulrich bekommt nie Post. Seit 14 Jahren wohnt er hier im Pflegeheim und seitdem hatte er noch keine Post. Aber jeden Tag geht er zur Luke und fragt.

Und dafür, wie Susanne das „Heute“ von „Heute nicht“ ausspricht, dafür hat er sie so gern. 

Doris Bewernitz

Gefunden in: Der Andere Advent 2019/20

Weitblick

Lesen Sie die Strophen zunächst von oben nach unten

Ich kann nur lachen                       Höher! Schneller! Weiter!
Das Gebot, alles zu teilen           Ist ein Versprechen, mehr zu erhalten
Was ich besitze ist                         Ein Geschenk
Mein Verdienst                                Hilft vielleicht anderen
Zu Recht geht leer aus                Wer nur an sich denkt
Wer gern gibt                                   Dem wird es gut gehen

Lesen Sie nun von links nach rechts

Diesen Text Weitblick habe ich im Anderen Advent Kalender 2019/20 gefunden, der mich schon viele Jahre in der Adventszeit begleitet.

Digitalisierung in der Pflege

Vor dem Hintergrund des demographischen Wandels und seine Folgen insbesondere für die pflegerische Versorgung in Deutschland haben digitale Anwendungen das Potenzial, zur Bewältigung dieser Herausforderungen beizutragen. 

Der ZQP-Report des Zentrums für Qualität in der Pflege

„Pflege und digitale Technik“

befasst sich mit folgenden Aspekten:

    • Welche Unterstützungssysteme gibt es heute 
    • Wie könnte die Pflege der Zukunft aussehen? 
    • Was ist dabei ethisch zu bedenken? 
    • Wie stehen Pflegefachkfäfte und Bevölkerung zum Technikeinsatz in der Pflege? 
    • Welche Kompetenzen und Partizipationsmöglichkeiten brauchen sie?

Diesen ZQP-Report können Sie hier lesen.

Deutschen Pflegeheimen geht es noch relativ gut

Der neue deutsche Pflegeheim Rating Report 2020 beschreibt die wirtschaftliche Lage der deutschen Pflegeheime als noch relativ gut, obwohl sie sich zwischen 2015 und 2017 leicht verschlechtert hat.

Knapp 4 Prozent lagen 2017 im „roten Bereich“ mit erhöhter Insolvenzgefahr, 24 Prozent schrieben einen Jahresverlust.

Der Report widmet sich auch dem Thema Fachkräftemangel und weist auf die Bedeutung der „weichen“ Faktoren hin wie gute Führungskultur, gesellschaftliches Ansehen des Berufs, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, möglichst wenig Bürokratie, Karrieremöglichkeiten sowie die Übernahme von Verantwortung, wichtige Voraussetzungen also, die ich in meiner Zeit  als Geschäftsführer der CBT geschaffen habe und auf die ich bereits seit Jahren in meinen Beiträgen hinweise.

Lesen Sie hierzu auch: „Führung trifft auf Mensch“

Mit Robotern werden wir allerdings nicht weit kommen…!

 

Cartoon von Thomas Plassmann

Die wichtigsten Ergebnisse dieses Reportes können Sie hier lesen.

 

„Mach Karriere als Mensch“. Die Pflege braucht Nachwuchs.

Am 21.10.2019 wurde die Informations- und Öffentlichkeitskampagne des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zur neuen Pflegeausbildung gestartet. Unter dem Motto „Mach Karriere als Mensch“ sollen sowohl junge Menschen angesprochen werden, die auf der Suche nach einem Ausbildungsberuf oder einem Studium sind, als auch Erwachsene, die sich beruflich neu orientieren möchten. Die Kampagne ist Bestandteil der „Ausbildungsoffensive Pflege“ (2019–2023), die im Rahmen der Konzertierten Aktion Pflege beschlossen wurde.

Auf der Internetseite des BMFSFJ zur Pflegeausbildung finden sich alle Informationen einschließlich der Materialien zur Öffentlichkeitskampagne.
Ob allerdings die Plakate helfen, Menschen für den Beruf zu gewinnen, bleibt abzuwarten, auch, ob der Fokus zur Motivation für den Beruf wirklich auf Karriere auszurichten ist.

Denn der Pflegebereich ist vor allem angewiesen auf Menschen mit hoher fachlicher, aber auch menschlicher Kompetenz. Künftig wird daher immer deutlicher die Frage gestellt werden müssen, wer soll in einen Beruf gehen, in dem zahlreiche charakterliche Tugenden notwendig sind, zum Beispiel Respekt vor dem Leben und der Willensfreiheit des Menschen sowie die Fähigkeit, besonnen zu handeln und zu urteilen. Gerade die Unterstützung und Begleitung von Menschen in Grenzsituationen erfordert ein hohes Maß an Empathie-Fähigkeit. 

Hier verweise ich gerne auf die indianische Redensart, die diese Einstellung und Haltung, auf die es immer stärker ankommt, vortrefflich zum Ausdruck bringt:  “IN DEN MOKASSINS DES ANDEREN GEHEN“

Altenheim Zukunftspreis 2019 – „Bei Anruf Ausbildung“

Bernd Bogert hat als Geschäftsführer der St. Gereon Seniorendienste in Hückelhoven den diesjährigen Altenheim Zukunftspreis erhalten. Hierüber freue ich mich besonders, weil Bernd Bogert ein langjähriger Wegbegleiter von mir in meiner Zeit als Geschäftsführer der CBT gewesen ist.

Mit zahlreichen Projekten und Initiativen hat er gezeigt, wie erfolgreich Träger sein können. Auch die vielen Auszeichnungen – so z.B. Bester Arbeitgeber im Gesundheitswesen – weisen auf die besonderen Leistungen für Menschen mit Pflegebedarf und die Mitarbeitenden hin.

Der Altenheim Zukunftspreis 2019 der Fachzeitschrift Altenheim geht deshalb an die St. Gereon Seniorendienste, weil es Bernd Bogert mit seinem Team gelungen ist, mit einem innovativen Konzept die Zahl der Auszubildenden zum Altenpfleger seit 2012 von 63 auf 351 zu steigern. 

Hier lautet das Motto:“Bei Anruf Ausbildung“. Der Pflegedienstleister
St. Gereon übernimmt alle Bewerber, sofern sie einen Hauptschulabschluss ab Klasse zehn vorweisen können. Auf Auswahlverfahren und Bewerbungsgespräche wird verzichtet. Stattdessen erwartet die angehenden Pflegekräfte während ihrer Ausbildung eine Betreuung, die sich nach den persönlichen Fähigkeiten richtet, eine individuelle Lernförderung und maßgeschneiderte Arbeitszeiten – dort stehen 15 verschiedene Modelle zur Wahl. 

Bei der hier praktizierten“Assistierten Ausbildung Altenpflege“ erhalten viele junge Menschen eine echte Chance, im Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Alle Auszubildenden werden hier eng begleitet. Es gibt beispielsweise Deutschkurse und individuelle Lernförderung. Zudem sind 80 Prozent der examinierten Fachkräfte als Praxisanleiter in Pflege fortgebildet und können die Nachwuchskräfte entsprechend anleiten und schulen. Schließlich werden vielerlei Wünsche der Auszubildenden erfüllt, etwa bezüglich der Anpassung der Arbeitszeiten an die persönlichen Gegebenheiten wie Busfahrpläne, Kita-Öffnungszeiten oder Arbeitszeiten des Partners. 

Gerade vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels in der Pflege ist dies ein vorbildliches Konzept, selbst für den eigenen Nachwuchs zu sorgen und findet hoffentlich viele Nachahmer in der Pflegebranche.

Der neue Pflege-TÜV transparenter?

Thomas Klie und ich haben bereits 2010 den so genannten Pflege TÜV mit seinen Noten kritisiert, zu einem Moratorium aufgerufen und einfachere Wege zu einer Qualitätsdarstellung aufgezeigt. Näheres hier.

Doch das neue Bewertungssystem, das zum 1. November 2019 in Kraft tritt, mit Symbolen, Kreisen, Punkten und Quadraten ist noch verwirrender, komplizierter und bietet den älteren Menschen und Ihren Angehörigen nicht die gewünschte und erforderliche Transparenz..

Es zeigt sich wieder einmal: zu viele Köche verderben nur den Brei. Im politischen und bürokratischen Meinungsbildungsprozess sind die Interessen vieler Seiten eingeflossen, nämlich der Kranken- und Pflegekassen, der Heimträger und ihren Verbänden sowie der Politik. Doch die Interessen der Kunden, um die es in erster Linie geht, kommen meines Erachtens wieder einmal zu kurz.

Ein neuer so genannter Pflege-TÜV wäre dann hilfreich und würde für die nötige Transparenz sorgen, wenn es „K.O.-Kriterien“ gäbe etwa bei Verabreichung falscher Medikamente, freiheitsentziehender Maßnahmen oder zahlreicher Dekubitusfälle. Dies müsste dann dazu führen, dass ein Heim ein Ungenügend erhält.

Das Selbsthilfenetzwerk Pro Pflege weist zu Recht darauf hin, dass durch das neue Prüfsystem der Pflegenotstand nicht aufgelöst werden kann. Darüberhinaus würden auch die Anforderungen an das bereits jetzt überlastete und gestresste Pflegepersonal weiter zunehmen. Näheres hier.

Pflege neu denken! Was sich ändern muss!

Worum geht es?

Seit 40 Jahren kämpfe ich für eine Verbesserung der Wohn- und Lebenssituation älterer Menschen mit Pflegebedarf oder mit einer Demenz sowie der Optimierung der Arbeitsbedingungen für Mitarbeitende in der Pflegebranche. 

In dieser Zeit entstand ein Sozialunternehmen, das in der Szene Vorreiter für innovative Wohn- und Pflegekonzepte war und mehrfach als Bester Arbeitgeber im Gesundheitswesen ausgezeichnet wurde.

Besondere Kennzeichen dieses Unternehmens waren

    • Einzigartige Konzepte wie Hausgemeinschaften in „Reinkultur“,
    • Weiterentwicklung der Heime zu Bürgerzentren im Quartier,
    • Werte-Orientierte Führungs- und Unternehmenskultur,
    • die Organisation vom „Kunden“ aus denken,
    • konsequente Herab-Stufungen bei Pflegeerfolgen, 
    • Abwahl von Leistungen mit Vergütung an Angehörige, wenn diese Unterstützungsleistungen erbrachten, 
    • eine hundertprozentige Besetzung der Personalschlüssel, 
    • gerechte und tarifliche Eingruppierung aller Mitarbeitenden ohne Servicegesellschaften zu gründen, 
    • Offenlegung der Bilanzen für Bewohner, Mitarbeitende und Öffentlichkeit, 
    • Aufbau eines eigenen Pflege-Controlling mit Veröffentlichung der Ergebnisse, 
    • Vernetzung der Häuser in die Gemeinden,
    • Beteiligung von Bürgern und Ehrenamtlichen,
    • Widerstand gegen den „Pflege-TÜV „Stop den Pflegenoten“,
    • und vieles andere mehr.
      Lesen Sie hierzu auch meinen Beitrag 40 Jahre CBT

Dies alles gelang auf Basis einer wertorientierten Unternehmens- und Führungskultur mit offener Kommunikation, Transparenz, Beteiligung und Vertrauen. Führungskräfte und Mitarbeitende machten sich die Konzepte zu eigen und lebten sie glaubwürdig. Richtlinie des pflegerischen Handelns war das christliche Menschenbild mit der Unverletzlichkeit der Würde jedes einzelnen. Hierbei war die Charta der Rechte pflegebedürftiger Menschen mit ihren acht Artikeln 

    • Selbstbestimmung und Hilfe zur Selbsthilfe, 
    • Privatheit, 
    • Körperliche und seelische Unversehrtheit, 
    • Freiheit und Sicherheit
    • Pflege, Betreuung und Behandlung, 
    • Kommunikation, Wertschätzung und Teilhabe an der Gesellschaft, 
    • Religion, Kultur und Weltanschauung und
    • Palliative Begleitung, Sterben und Tod

Leitlinie und Kontrollinstrument für die tägliche Praxis.
(www.wege-zur-pflege.de/pflege-charta)

Warum, so frage ich mich, gelingt es nicht, derartige erfolgreiche Konzepte nachhaltig in der Fläche umzusetzen oder auch beizubehalten? Warum hat sich bei allem Bemühen so wenig zum Positiven verändert? Warum haben Pflegeheime nach wie vor ein derartiges Negativimage, dass sie von der Mehrzahl der Bevölkerung abgelehnt werden? Jeder achte Deutsche möchte lieber sterben als in ein Pflegeheim zu ziehen. Warum prägen nach wie vor Berichte über pflegerische Defizite das Bild?

Beispiele menschenunwürdigen Handelns

Auch wenn ich weiß, welcher Aufschrei der Entrüstung reflexartig aus der Pflegebranche kommt, benenne ich trotzdem an dieser Stelle Beispiele menschenunwürdigen Handelns, die keine Einzelbeispiele sind, um dann auf die obigen Fragen Antworten zu suchen.

So werden Zwangsmaßnahmen bei „störendem“ Verhalten nicht selten in diesen Situationen mit der Fürsorge für diese Personen und deren Wohl gerechtfertigt.

Bei Pflegekräften besteht zudem die Furcht, dafür verantwortlich gemacht zu werden, wenn ein pflegebedürftiger Mensch, zum Beispiel durch einen Sturz, Schaden nimmt, der durch ein Bettgitter hätte verhindert werden können.Dadurch kommt es oft zu Anwendung von freiheitsentziehenden Maßnahmen (Bettgitter, Gurte, Vorenthalten von Gehhilfen, Abschließen von Zimmertüren und andere mechanische oder medikamentöse Fixierungen) oder zu zwangsweise durchgesetzten Pflegehandlungen, „weil man es gut meint“.

Beispiele hierfür sind das Aufnötigen eines veränderten Ernährungs- und Trinkverhaltens, das nicht den eigenen Gewohnheiten beziehungsweise Bedürfnissen entspricht oder forcierte Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme.
Ethisch bedenkliche Entscheidungen sind auch Ernährungssonden und das Anlegen von Blasenkatheter, um Pflegezeit einzusparen u.a.

Wer ist für diese Zustände eigentlich verantwortlich: Gesellschaft und Politik? Die institutionellen Strukturen? Träger und Führungskräfte oder die Mitarbeitenden?

Verantwortung der Politik + Gesellschaft

Die Politik hat in den letzten 30 Jahren nur von Wahl zu Wahl gedacht und hat es längst versäumt, vor dem Hintergrund des seit Jahren bekannten demographischen Wandels eine langfristige nachhaltige Strategie mit entsprechenden Rahmenbedingungen im Hinblick auf neue Modelle und Konzepte, Ausbildungsplätze, Finanzierung, Personalschlüssel u.a. zu entwickeln.

Daran ändern auch nichts die jüngsten Ergebnisse der Konzertierten Aktion Pflege. Demnach sollen sich die Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte schnell und spürbar verbessern. Das ist Ziel der Konzertierten Aktion Pflege, die unter der Leitung der Minister Giffey, Heil und Spahn jetzt ihre Ergebnisse vorgelegt hat. 

Danach soll bundesweit nach Tarif bezahlt, ein am Bedarf orientierter Personalschlüssel eingeführt, die Anwerbung ausländischer Pflegekräfte beschleunigt und die Zahl der Auszubildenden und Ausbildungseinrichtungen gesteigert werden. Hierzu möchte ich am liebsten laut rufen: ENDLICH!

Doch die vorgesehenen Maßnahmen kommen meines Erachtens viel zu spät. Wir haben schon lange kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem. Die Politiker tun jetzt so, als sei der Pflegenotstand plötzlich über uns hereingebrochen. 

Doch bereits vor 15 Jahren habe ich formuliert: „Wenn die Politik in der Pflege weiterhin mit der ruhigen Hand agiert, dann müssen wir demnächst zu Pflegende exportieren, weil wir keine Pflegenden mehr haben.“

Alles, was jetzt umgesetzt werden soll, habe ich bereits als Geschäftsführer der CBT seit vielen vielen Jahren eingefordert, angefangen bereits vor 28 Jahren mit meinem Beitrag: „Pflegenotstand –  die Situation wird bedrängend. Bricht die Pflege zusammen, weil die Personalschlüssel nicht ausreichen?“ Dieser Beitrag, erschienen in der Zeitschrift Altenpflege 7/1991, den Sie  hier noch einmal nachlesen können, endete mit meiner Forderung: 

„ES MUSS SOFORT GEHANDELT WERDEN!

In diesem Beitrag habe ich die tägliche personelle Unterbesetzung von circa 30 Prozent in der Pflege nachgewiesen und öffentlich kommuniziert. Und dies ist der eigentliche Skandal. Es ist seitdem in dieser Hinsicht nichts geschehen. Die Pflegenden wurden von der Politik im Stich gelassen. Die 13 Tausend  neuen Stellen sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein, wobei bis heute hiervon keine einzige Stelle besetzt ist! Nötig sind jedoch mindestens 45 Tausend zusätzliche Mitarbeitende. Und wo sollen diese jetzt auf einmal herkommen?“

Wieder einmal haben unzählige Experten in Arbeitsgruppen zusammen gesessen und Ergebnisse produziert, die seit Jahrzehnten bekannt sind. Dieses Geld hätte man besser direkt in die Pflege stecken sollen. Die deutsche Politik sollte sich schämen, dass eines der wichtigsten gesellschaftlichen Themen seit Jahrzehnten so stiefmütterlich behandelt wird.

Es wäre in all den Jahren so leicht gewesen, in jedem Heim diese personelle Lücke von ca. 30 Prozent zu füllen. Nur zwei bis drei Mitarbeitende je Pflegegruppe und Heim mehr – es mussten keine Fachkräfte sein – dann wären nicht die heutigen Belastungen, Arbeitsverdichtungen, Burnout, Flucht aus der Pflege, die permanente Unzufriedenheit und das Negativ-Image sowie die zahlreichen Mängel in der Pflege und Versorgung älterer Menschen mit Pflegebedarf oder Demenz entstanden. Meine jahrelangen Hinweise und Appelle an Politik und Verbände sind immer wieder ins Leere gelaufen.

Verantwortung von Verbänden, Trägern, Führungskräften und Mitarbeitenden

Neben der personellen Unterbesetzung gibt es weitere zahlreiche Problemfelder, die nicht als Alibi auf die Politik abgewälzt werden können, weil Verbesserungspotenziale in der Verantwortung von Verbänden, Trägern, Führenden und Mitarbeitenden selbst liegen. Ich will nur einige kurz skizzenhaft aufzählen:

Die Pflegebranche spricht nicht mit einer Stimme. Verbände, leider auch Wohlfahrtsverbände, haben sich mit den Pflegekassen und der Politik „arrangiert.

Die Pflegenden selbst sind überwiegend immer noch nicht professionell genug, klagen und jammern, statt die Macht der Pflege zu begreifen, selbstbewusster aufzutreten und die Erfolge ihrer Arbeit öffentlich zu kommunizieren. Dazu zählen die wiedergewonnene Autonomie des Bewohners, die erhaltene oder neue Lebensfreude, das „Überflüssig-Machen“ lebenseinschränkender Maßnahmen, das Aufrechterhalten sozialer Netzwerke des Bewohners, die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, das Verhindern von Risiken oder die Absenkung der Pflegestufe in Folge guter fachlicher Arbeit.
So entwickeln Mitarbeitende Stolz auf die eigene Arbeit und erreichen damit auch eine andere, verbesserte gesellschaftliche Anerkennung.

Pflege neu denken

Pflege muss endlich neu gedacht werden, damit Heime einen besseren Stellenwert in unserer Gesellschaft erhalten. Doch viele Träger sind immer noch „träge“ und tragen nicht. Missstände und Frustration sind in der Regel dort vorzufinden, wo es keine werteorientierte Führungs- und Unternehmenskultur gibt. Wie man innen miteinander umgeht, wird man auch von außen wahrgenommen. Was Unternehmen bei Mitarbeitern falsch machen, können sie beim Kunden nicht besser machen. Wer ein schlechter Arbeitgeber ist, disqualifiziert sich auch als Anbieter. Denn nur zufriedene Mitarbeiter können auch gute Gastgeber sein.
Die Folgen mangelnder gesellschaftlicher und auch unternehmensinterner Anerkennung sind dramatisch: Fachkräftemangel, hohe Fluktuation und schwacher Marktwert der Dienstleistung.

Doch in der modernen Arbeitswelt ist Wertschätzung eine Schlüsselgröße für Qualität, Innovation, wirtschaftlichen Erfolg sowie Gesundheit und Zufriedenheit am Arbeitsplatz. Anerkennung von außen, stolz auf die eigene Leistung und eine wert-schätzende Unternehmens- und Führungskultur durchbrechen diesen Teufelskreis.

Träger, Geschäftsführung und Heimleitungen tragen hier eine große Verantwortung, jeden Tag dafür Sorge zu tragen, dass die Würde des Menschen – der zu Pflegenden und der Mitarbeitenden – in keiner Situation verletzt wird. 

Doch auch Mitarbeitende haben ebenso eine solche Verantwortung, wenn sie Missstände sehen und die Augen verschließen. Dann machen sie sich mitschuldig. Denn Pflegende müssen Anwälte der älteren Menschen sein und sich bewusst machen, dass ihr Handeln ethische Werte berührt.

Würde als zentraler Grundwert

So vertrauen sich ältere Menschen Pflegenden an. Vertrauen stellt schon für sich alleine einen Wert dar. Weiterhin können Pflegehandlungen dem Menschen helfen, sie können ihm aber auch schaden. Die Integrität des menschlichen Lebens also ist ein zentraler Wert. Und schließlich haben wir es in der Pflege immer öfter mit Grenzsituationen der menschlichen Existenz zu tun, in denen die Erhaltung eines würdevollen Lebens mehr und mehr zur Aufgabe wird. Damit ist die Würde des Menschen ein zentraler Grundwert in der Ethik.

Für Pflegende wäre es also ein großer Gewinn, wenn sie sich regelmäßig vor Augen führen könnten, in welchem Umfang sie mit ihrer Arbeit auch zur Verwirklichung von Werten beitragen und welche Bedeutung ihr Handeln in der Wertordnung des anderen Menschen, ihrer selbst und damit der Menschheit besitzt.

Künftig wird immer deutlicher die Frage gestellt werden müssen, wer soll in einen Beruf gehen, in dem zahlreiche charakterliche Tugenden notwendig sind, zum Beispiel Respekt vor dem Leben und der Willensfreiheit des Menschen sowie die Fähigkeit, besonnen zu handeln und zu urteilen. Gerade die Unterstützung und Begleitung von Menschen in Grenzsituationen erfordert ein hohes Maß an Empathie-Fähigkeit. 

Daher ist der Pflegebereich angewiesen auf Menschen mit hoher menschlicher und fachlicher Kompetenz.

Fazit

Für eine gute Strategie zur Lösung des heutigen und grösser werdenden Pflegenotstandes reichen einzelne Maßnahmen oder Drehen an Stellschrauben im System nicht mehr aus.

Notwendig ist ein Paradigmenwechsel, eine radikale Umsteuerung unserer Pflegepolitik und eine neue Kultur des Miteinanders der Generationen im Sozialraum und des Zusammenhalts in der Gesellschaft im demographischen Wandel.

Weg von herkömmlichen Heimen

Wir werden sicher auch künftig Pflegeheime brauchen für die an einer Demenz erkrankten älteren Menschen, jedoch nicht so viele und anders strukturiert. Es werden Wohnhäuser mit Pflege sein, fixierungsfrei, mit dem Recht für die Bewohner auf Risiko und auf „befreiendes Vergessen“, stadtteilbezogene Kleeblatt-Systeme, strukturiert in autarke Hausgemeinschaften wie beim Katharinenstift in Remscheid-Lennep (s.1),
die sich in Bau, Konzeption, Organisation und Führung den Bedürfnissen und Wünschen dieser Hauptzielgruppe anpassen müssen. Wohnhäuser also, in denen die Bewohnerin oder der Bewohner den Rhythmus des Tages je nach ihren Gewohnheiten und Wünschen bestimmen können, assistiert von Mitarbeitenden, die den älteren Menschen helfen, ihre verborgenen Fähigkeiten wieder zu entdecken und vergessene Gewohnheiten wieder zu beleben. 

Wir müssen also wegkommen von herkömmlichen Heimen „von der Stange“ ohne Bezug zum Sozialraum, hin zu flächendeckender systematischer Förderung von Quartierskonzepten mit Einbindung von Familien, Nachbarn und Bürgern und Aufbau von Kümmerer- und Vernetzungsstrukturen wie beim Wohnhaus Upladin in Leverkusen-Opladen. (s.1)

1:  (vgl. Schmid, Raimund: 12 Wege zu guter Pflege, 2019  sowie Becher, Berthold/Hastedt, Ingrid: Innovative Unternehmen der Sozial- und Gesundheitswirtschaft, 2019)

Sozialräumliche Konzepte, wie inklusive Quartierprojekte, Mehrgenerationenhäuser, soziale Stadtprojekte, Gemeinschafts-Wohnprojekte u.a. haben gezeigt, wie vor Ort Engagement und Gemeinschaftlichkeit wirksam gefördert werden können. Gemeinwesenarbeit und Quartiermanagement ist hierbei ein zentrales Instrument. Auf diese Weise können im jeweiligen Wohnquartier zwischen Zivilgesellschaft und Professionellen neue, tragfähige Sorge-Settings entwickelt werden.
(www.netzwerk-song.de sowie www.kda.de). 

Hierbei sind pflegende Angehörige auch finanziell und im Sinne von Beratung stärker zu unterstützen. Auch gesundheitsfördernde und präventive Angebote für ältere Menschen und Pflegende müssen ausgebaut werden.

Personalmanagement als Erfolgsfaktor

Das Personal-Marketing als wichtiger Schlüssel gegen die derzeitige Personalmisere mit den drei Aspekten „Finden, Fördern und Binden“ muss von den Unternehmen weiter ausgebaut werden. Heime müssen Fach- und Führungskräfte stärker selbst ausbilden, Kooperationen mit Schulen eingehen, Praktika anbieten und das Berufsfeld Pflege öffentlich stärker kommunizieren.

Weitere notwendige Massnahmen sind: Individuelle Personalentwicklung, Förderung von Talenten und Stärken, Klare Aufgaben- und Kompetenzregelung. Aufgaben- und Kompetenzprofile der Fachkräfte sind zu schärfen, die vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels eine mehr steuernde Funktion einnehmen. Warum eigentlich wird kein Mitarbeiter für allgemeine Verwaltungsaufgaben in der Pflege eingestellt, der die zeitraubenden Telefonate mit Arztpraxen, Krankenhäusern u.ä. übernimmt und so die Pflegenden enorm entlastet. 

Arbeitsbedingungen sind weiter zu verbessern: Wertschätzung, Beteiligungen, Bezahlung – nur 59 Prozent der Pflegenden werden nach Tarif bezahlt -, kürzere Dienstzeiten, nicht elf Tage am Stück! Flache Hierarchien, mehr Autonomie und Verantwortung für einzelne Mitarbeitende sowie Rückkehr-Programme für die vielen 1000 Mitarbeitenden, die der Pflege verloren gehen.

Fachkraftquote überdenken

Die Fachkraftquote ist endlich zu überdenken und nicht wie eine heilige Kuh zu behandeln: weg von einer quantitativen hin zu einer qualitativen Fachkraftquote entsprechend den Bedarfen der Bewohner unter Einbeziehung anderer Berufsgruppen wie Hauswirtschaft, Therapeuten, Sozialpädagogen und andere.

Pflege ist nach wie vor zu sehr medizinisch orientiert. Doch gute Pflege umfasst das Wohnen und die soziale Teilhabe, also die Lebensqualität des Einzelnen. Daher muss die Versorgung älterer Menschen mit Pflegebedarf künftig stärker von professionellen Diensten verschiedener Disziplinen geleistet werden. 

Dies führt zu einer neuen Definition der Fachkraftquote, die dann nicht nur Pflegefachkräfte, sondern weitere professionelle Fachkräfte umfasst. Auf diese Weise gewinnt man statt quantitativer eine qualitative Fachkraftquote unter Einbeziehung weiterer Professionen und begegnet so gleichzeitig dem Mangel an Pflegefachkräften wirkungsvoll.

Und schliesslich…

Die Lösung für die Pflege älterer Menschen kann nicht darin bestehen, dass immer weitere Pflegeheime gebaut werden, die niemand will und für die es keine Fachkräfte gibt.

Es gilt, die Hilfe zur Selbsthilfe der älteren Menschen zu fördern mit bezahlbaren haushaltsnahen Dienstleistungen, Künstlicher Intelligenz, mit Ambient Assisted Living-Konzepten, Systemen und Produkten sowie einem flächendeckenden Beratungsangebot, mit ambulanter pflegerischer Versorgung, einem Quartiermanagement oder der früheren „Gemeindeschwester“. 

Innovative und radikale Veränderungen sind notwendig, aber auch möglich, wie das Pflegemodell von Buurtzorg – übersetzt Nachbarschaftshilfe -, einem Start-Up Unternehmen aus den Niederlanden zeigt. Buurtzorg steht für ein ambulantes Pflegesystem, das den Patienten und Pflegebedürftigen ein eigenständiges Leben ermöglicht und ihre Selbstfürsorge aktiv fördert. Das Besondere ist aber auch, dass dieses System den Pflegenden ein hohes Maß an Eigenverantwortung überträgt.

Wenn möglichst viele Ältere sich auf ihre Stärken besinnen, ihre Potenziale und Ressourcen einbringen können und ihr Sozialraum intakt bleibt, kann der Pflegenotstand gelindert, vielleicht sogar verhindert werden.

 

Konzertierte Aktion Pflege: mehr Personal, mehr Geld, mehr Ausbildung

Die Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte sollen sich schnell und spürbar verbessern. Das ist Ziel der Konzertierten Aktion Pflege, die unter der Leitung von Bundesfamilienministerin  Franziska Giffey, Bundesarbeitsminister Hubertus Heil und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn jetzt ihre Ergebnisse vorgelegt hat. Danach soll bundesweit nach Tarif bezahlt, ein am bedarfsorientierter Personalschlüssel eingeführt, die Anwerbung ausländischer Pflegekräfte beschleunigt und die Zahl der Auszubildenden und Ausbildungseinrichtungen gesteigert werden.

Hierzu möchte ich am liebsten laut rufen: ENDLICH!

Doch die vorgesehenen Maßnahmen kommen meines Erachtens viel zu spät. Wir haben schon lange kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem. 

Die Politiker tun jetzt so, als sei der Pflegenotstand plötzlich über uns hereingebrochen. Doch bereits vor 15 Jahren habe ich formuliert:
„Wenn die Politik in der Pflege weiterhin mit der ruhigen Hand agiert, dann müssen wir demnächst zu Pflegende exportieren, weil wir keine Pflegenden mehr haben.“

Alles, was jetzt umgesetzt werden soll, habe ich bereits als Geschäftsführer der CBT seit vielen vielen Jahren eingefordert, angefangen bereits vor 28 Jahren mit meinem Beitrag:
„Pflegenotstand die Situation wird bedrängend. Bericht die Pflege zusammen, weil die Personalschlüssel nicht ausreichen?“ Dieser Beitrag von 1991 endet mit meiner Forderung: „ES MUSS SOFORT GEHANDELT WERDEN!

In diesem Beitrag habe ich die tägliche personelle Unterbesetzung von circa 30 % in der Pflege nachgewiesen und öffentlich kommuniziert. Und dies ist der eigentliche Skandal. Es ist seitdem in dieser Hinsicht nichts geschehen. Die Pflegenden wurden von der Politik im Stich gelassen. Die 13 Tausend neuen Stellen sind nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Nötig sind mindestens 45 Tausend zusätzliche Mitarbeitende. Und wo sollen diese jetzt auf einmal herkommen?“

Wieder einmal haben unzählige Experten in Arbeitsgruppen zusammen gesessen und Ergebnisse produziert, die seit Jahrzehnten bekannt sind. Dieses Geld hätte man besser direkt in die Pflege stecken sollen. 

Die deutsche Politik sollte sich schämen, dass eines der wichtigsten gesellschaftlichen Themen seit Jahrzehnten so stiefmütterlich behandelt wird. Es wäre in all den Jahren so leicht gewesen, in jedem Heim diese personelle Lücke zu füllen. Dann wären nicht die heutigen Belastungen, Arbeitsverdichtungen, Burnouts, Flucht aus der Pflege, die permanente Unzufriedenheit und das Negativ-Image sowie die zahlreichen Mängel in der Pflege und Versorgung älterer Menschen mit Pflegebedarf oder Demenz entstanden.

Meine jahrelangen Hinweise und Appelle an Politik und Verbände sind immer wieder ins Leere gelaufen. Lesen Sie hierzu auch meine Beiträge vom 18. Mai 2018 „Herausforderung Fachkräftemangel in der Pflege! Gibt es gute Strategien? Und auch die Korrespondenz mit dem damaligen Gesundheitsminister Gröhe vom 8. Februar 2018.

Lesen Sie hier auch die Kommentare anderer Verbände zu den Beschlüssen der Konzertierten Aktion Pflege.