Herausforderung Fachkräftemangel in der Pflege! Gibt es gute Strategien?

Der Fachkräftemangel in der Altenpflege ist das beherrschende Thema. Doch die größere Herausforderung ist zunächst die tägliche personelle Unterbesetzung von circa 30 %. Dies ist das eigentliche Kernproblem und auch der Skandal in der Altenpflege.

Denn als erster in Deutschland habe ich bereits 1991 nachgewiesen, dass jedes deutsche Pflegeheim mit einer täglichen personellen Unterbesetzung von 30 % arbeiten muss. (s. Artikel: „Die Situation wird bedrängend. Bricht die Pflege zusammen, weil die Personalschlüssel nicht ausreichen?“
in : Altenpflege 7/91) – Link zum Artikel

Der Grund: die geltenden Personalschlüssel, die niemals betriebswirtschaftlich oder pflegewissenschaftlich ermittelt worden sind, berücksichtigen nicht die in den Jahren angestiegenen Abwesenheits-Quoten wie Urlaub Krankheit Fortbildungen. Meine Untersuchungsergebnisse wurden später bestätigt durch das KDA-Plaisir-Verfahren und das Referenzmodell des Landes NRW.

Die Altenpflege hat also kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem. Doch die Versäumnisse von fast 30 Jahren können nicht sofort behoben werden.

 

Welche Strategien gibt es?

Sofort-Massnahme:

Nur ein bis zwei Mitarbeitende je Pflegedienst und Gruppe mehr – es müssen keine Fachkräfte sein, würde die äußerst belastende und unverantwortliche Situation sofort und spürbar verbessern helfen.

Tatsache ist, dass bei einer normalen Besetzung im Frühdienst 3-4 Mitarbeitende für circa 30-35 Bewohner zu Verfügung stehen. Wie soll auf diese Weise, wenn Mitarbeitende täglich am Limit arbeiten, gute und individuelle Pflege gewährleistet sein?

Hier kann also die Politik sofort, schnell und wirksam handeln, ohne erst auf ein Personalbemessungssystem zu warten. 

Die im Koalitionsvertrag beschlossenen 8000 Fachkräfte lösen nicht dieses Problem, sondern sind lediglich eine Korrektur des Systems, in dem nun die Behandlungspflege endlich über die Krankenversicherung finanziert wird.

Langfristige Strategien:

Die Pflege steht in Konkurrenz zum gesamten Arbeitsmarkt um Mitarbeitende. Hier geht es also darum, den Beruf in der Altenpflege attraktiver zu gestalten. Dazu kommt, dass in 2-3 Jahrzehnten der Pflegebedarf der geburtenstarken Jahrgänge enorm wächst. Sie erreichen ihr hohes Alter in einer Zeit des massivsten Fachkräftemangels.

Hier stehen Politik, Gesellschaft, Heime und Mitarbeitende in der Verantwortung:

Verantwortung der Politik + Gesellschaft

  • Mehr Ausbildungsplätze schaffen und finanzieren.
  • Fachkraftquote überdenken: weg von einer quantitativen hin zu einer qualitativen Fachkraftquote  unter Einbeziehung anderer Berufsgruppen wie Hauswirtschaft, Therapeuten, Sozialpädagogen und andere.
    Pflege ist nach wie vor zu sehr medizinisch orientiert. Doch gute Pflege umfasst das Wohnen und die soziale Teilhabe, also die Lebensqualität des Einzelnen. Daher muss die Versorgung älterer Menschen mit Pflegebedarf künftig stärker von professionellen Diensten verschiedene Disziplinen geleistet werden. Dies führt zu einer neuen Definition der Fachkraftquote, die dann nicht nur Pflegefachkräfte, sondern weitere professionelle Fachkräfte umfasst. Auf diese Weise gewinnt man statt quantitativer eine qualitative Fachkraftquote unter Einbeziehung weiterer Professionen und begegnet so gleichzeitig dem Mangel an Pflegefachkräften wirkungsvoll.
  • Zudem muss für eine verantwortungsvolle pflegerische Versorgung in Zukunft stärker differenziert werden zwischen Pflegefachkraft, Pflegekraft und Pflegehilfskraft. Mit entsprechenden Aufgaben- und Kompetenzprofilen begegnet man ebenfalls dem personellen Bedarf. 
  • Ein Einwanderungsgesetz muss den Zuzug von ausländischen Fachkräften vereinfachen.
  • Abschaffung des so genannten Pflege-TÜVs. Hier arbeiten 2100 Pflegefachkräfte, die der unmittelbaren Pflege verloren gegangen sind. Der bürokratische Aufwand ist enorm und verschlingt mit über 100 Mio Euro jährlich finanzielle und personelle Ressourcen.
  • Abschaffung unnötiger Kontrollen und Bürokratien. Weg von einer Misstrauens-, hin zu einer Vertrauenskultur.
  • Weg von herkömmlichen Heimen „von der Stange“ ohne Bezug zum Sozialraum, hin zu flächendeckenden systematischen Förderung von Quartierkonzepten mit Einbindung von Familien, Nachbarn und Bürgern und Aufbau von Kümmerer- und Vernetzungsstrukturen. Sozialräumliche Konzepte, wie inklusive Quartierprojekte, Mehrgenerationenhäuser, soziale Stadtprojekte, Gemeinschafts- Wohnprojekte u.a. haben gezeigt, wie vor Ort Engagement und Gemeinschaftlichkeit wirksam gefördert werden können. Gemeinwesenarbeit und Quartiermanagement ist hierbei ein zentrales Instrument. Auf diese Weise können im jeweiligen Wohnquartier zwischen Zivilgesellschaft und Professionellen neue, tragfähige Sorge-Settings entwickelt werden.
  • Pflegende Angehörige sind auch finanziell und im Sinne von Beratung stärker zu unterstützen. Gesundheitsfördernde und präventive Angebote für ältere Menschen und Pflegende müssen ausgebaut werden.
  • Zunehmende Digitalisierung der Wirtschaft nutzen. Experten gehen davon aus, dass durch den Einsatz von Software-Roboter in den kommenden zehn Jahren bis zu 25 % der Bürojobs wegfallen könnten.
     
  • Gewinnung junger Menschen durch neue Studiengänge, die Pflege und Technologie verbinden.
  • Sachgerechte Berichterstattung der Medien, nicht nur über Missstände, sondern erst recht über positive Beispiele, damit über ein besseres Image mehr junge Menschen für den Beruf gewonnen werden können.

Verantwortung  der Heime

  • Werteorientierte Unternehmens- und Führungskultur: Missstände in der Pflege gibt es in der Regel dort, wo diese nicht vorhanden ist. Wie man innen miteinander umgeht, wird man auch von außen wahrgenommen. Was Unternehmen bei Mitarbeitern falsch machen, können sie beim Kunden nicht besser machen. Wer ein schlechter Arbeitgeber ist, disqualifiziert sich auch als Anbieter. Nur zufriedene Mitarbeiter können auch gute Gastgeber sein.Die Folgen mangelnder gesellschaftlicher und auch unternehmensinterner Anerkennung sind dramatisch: Fachkräftemangel, hohe Fluktuation und schwacher Marktwert der Dienstleistung.Doch in der modernen Arbeitswelt ist Wertschätzung eine Schlüsselgröße für Qualität, Innovation, wirtschaftlichen Erfolg sowie Gesundheit und Zufriedenheit am Arbeitsplatz. Anerkennung von außen, stolz auf die eigene Leistung und eine wert-schätzende Unternehmens- und Führungskultur durchbrechen diesen Teufelskreis.
  • Kundenorientiertes Denken und Handeln: alle Maßnahmen, Handlungen und organisatorischen Abläufe  an der Frage ausrichten: was hat der Kunde davon?
  • Personal-Marketing als wichtiger Schlüssel gegen die derzeitige Personalmisere mit den drei Aspekten „Finden, Fördern und Binden“.
  • Heime müssen Fach- und Führungskräfte stärker selbst ausbilden. Kooperationen mit Schulen eingehen, Praktika anbieten und das Berufsfeld Pflege öffentlich stärker kommunizieren.
  • Individuelle Personalentwicklung, Förderung von Talenten und Stärken, Klare Aufgaben- und Kompetenzregelung. Aufgaben- und Kompetenzprofil der Fachkräfte schärfen = mehr Steuernde Funktionen.
  • Arbeitsbedingungen verbessern: Wertschätzung, Beteiligungen, Bezahlung (nur 59 % Tarifbindung), kürzere Dienstzeiten, nicht elf Tage am Stück!
  • Flache Hierarchien, mehr Autonomie und Verantwortung für einzelne Mitarbeitende.
  • Rückkehr-Programme für die vielen 1000 Mitarbeitende, die der Pflege verloren gegangen sind.
  • Quartierarbeit: Einbindung der Heime in die Kommunen und Kirchengemeinden, Beteiligung von Angehörigen und Bürgern.
  • Neue Wohn und Pflegekonzepte entwickeln – Haus- und Wohngemeinschaften – mit multiprofessionellen Teams, orientiert an den Bedarfen, Wünschen und Lebensgewohnheiten älterer Menschen.

Verantwortung der Mitarbeitenden

  • Haltung und Einstellung ändern, selbstbewusster auftreten, jammernde Opferrolle ablegen oder die Rolle der selbstlos Dienenden, glaubwürdig ihre Professionalität demonstrieren. Denn Pflege ist eine hoch anspruchsvolle, komplexe und für unsere älter werdende Gesellschaft eine überaus wichtige und wertvolle Tätigkeit, die allerdings auch gerade deshalb besser vergütet werden muss. Also die Macht der Pflege begreifen. Mitreden in der Politik, sich einmischen. Dies setzt allerdings voraus dass Pflegende sich als wertvoll, wichtig und kompetent fühlen. 
  • Sie müssen lernen, die Erfolge Ihrer Arbeit öffentlich zu kommunizieren. Dazu zählen die wiedergewonnen Autonomie, die erhaltene oder neue Lebensfreude der Bewohner, das Überflüssigmachen lebenseinschränkender Maßnahmen, das Aufrechterhalten sozialer Netzwerke des Bewohners, die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, das Verhindern von Risiken oder die Absendungen der Pflegestufe in Folge guter fachlicher Arbeit.  
  • So entwickeln Mitarbeitende Stolz auf die eigene Arbeit und erreichen damit auch eine andere, verbesserte gesellschaftliche Anerkennung. Den eigenen Beruf also stärker wert zu schätzen, warum nicht nach dem Motto: „Früher war ich selbstlos, jetzt gehe ich selbst los.“(Zulehner). Und auch auf diese Weise für den eigenen Beruf im Familien- und Bekanntenkreis Werbung machen.
  • Lieben also, das was wir tun. Liebe zum Beruf bedeutet Liebe zum alten oder kranken Menschen, Liebe zu Menschen überhaupt. Werteorientiertes Arbeiten in einer Wachstumsbranche bietet demnach enorme Wettbewerbsvorteile in der Konkurrenz um Arbeitskräfte.

Fazit

Für eine gute Strategie zur Lösung des Problems reichen einzelne Maßnahmen oder Drehen an Stellschrauben im System nicht aus. 

Notwendig ist ein Paradigmenwechsel, eine radikale Umsteuerung unserer Pflegepolitik und eine neue Kultur des Miteinanders der Generationen im Sozialraum und des Zusammenhalts in der Gesellschaft im demographischen Wandel.

Die Lösung für die Pflege älterer Menschen kann nur darin bestehen, dass die Hilfe zur Selbsthilfe gefördert wird mit bezahlbaren haushaltsnahen Dienstleistungen, einem flächendeckenden Beratungsangebot, einem Quartiermanagement oder der früheren „Gemeindeschwester. Innovative und radikale Veränderungen sind notwendig, aber auch möglich, wie das Pflegemodell von Buurzorg, einem Start Up Unternehmen aus den Niederlanden zeigt.

Wenn möglichst viele Ältere sich auf ihre Stärken besinnen, ihre Potenziale und Ressourcen einbringen können und ihr Sozialraum intakt bleibt, kann der Pflegenotstand gelindert, vielleicht sogar verhindert werden.

Gewinnung junger Menschen für die Pflege

Die Vives Hochschule Kortrijk in Belgien bietet ein interessantes Studienmodell an, über das meines Erachtens junge Menschen, die Interesse an Pflege und Technik haben, zukünftig für den Beruf in der Altenpflege zu gewinnen sind.

Der Einsatz geeigneter technologischer Assistenzsysteme kann die Qualität von pflegebedürftigen Menschen verbessern und unterstützen. Ein neuer ins Leben gerufener Studiengang an der Vives Hochschule Kortrijk in Belgien vermittelt die dafür notwendigen Kenntnisse. 

Am Ende des dreijährigen Bachelor-Studiengangs verfügen die Studierenden über umfangreiche Kenntnisse bei der Implementierung von Hard- und Software-Lösungen (e-Health, Robotik, Sensor- und Smart-Home-Anwendungen) in  ambulanten und stationären Pflegesituationen. 

In dem auf hohe Praxisnähe angelegten Studium werden auf der Basis konkreter Projekte aktuelle an den Bedürfnissen von Bewohnern, Pflegepersonal und Betreibern ausgerichtete pflegetechnische Fragestellungen gelöst. „Wir sorgen mit unserer Ausbildung dafür, dass sich Technikexperten und Pflegefachkräfte verstehen. Oftmals sprechen diese Parteien nicht die gleiche Sprache“, sagt Studiengangsleiterin Tina Baetens. 

Im Juni 2018 werden die ersten Absolventen in den Arbeitsmarkt entlassen. Sorgen um eine Anstellung müssen sich die mit einem Bachelor-Diplom ausgestatteten jungen Akademikern nicht machen. Die Rückmeldungen aus den Bewerbungsgesprächen sind durchweg positiv.

Quelle: CareInvest, Neuer Studiengang verbindet Pflege und Technologie, 30.04.2018

Späte Erkenntnis! – Mehr Personal erforderlich

Die Sitzung des Ausschusses für Gesundheit des Deutschen Bundestages hat sich am 18.4.2018 mit der Personalsituation in der Kranken- und Altenpflege beschäftigt. Die Erkenntnis ist nicht neu, aber jetzt haben Fachleute und Politik einhellig festgestellt: Alten- und Krankenpflege benötigen mehr Personal, eine Tatsache, die ich bereits 1991 !!! in einer Untersuchung und in Veröffentlichungen nachgewiesen habe: s. a. Altenpflege 7/1991: „Die Situation der bedrängend. Bricht die Pflege zusammen, weil die Personalschlüssel nicht ausreichen?“
Link zum Artikel: 

http://fjstoffer.de/wp-content/uploads/2018/03/AH-Situation_bedrängend_1991-1.pdf

Jetzt besteht die Aufgabe aller darin, Lösungen schnellstmöglich zu entwickeln. Dieser Aufgabe scheinen sich die Beteiligten bewusst zu sein.
Es bleibt abzuwarten, zu welchen Ergebnissen die weiteren Debatten führen. Wird endlich ein Durchbruch gelingen, das Pflegesystem umzukrempeln und das zu tun, was seit 27 Jahren überfällig ist?
Würdevolle und individuelle Pflege und Begleitung erfordert Zeit und
Zeit bedeutet Personal-Ressourcen, quantitativ und qualitativ. 

Die zusätzlichen Stellen in der stationären Pflege von 8000 Fachkräften stellen nicht die erforderliche Lösung dar. Diese 8000 Stellen sind lediglich eine nachträgliche Korrektur im System. Damit wird die ursprünglich befristete Regelung, Behandlungspflege über die Pflegeversicherung mit den Pflegesätzen abzugelten, die nun 23 Jahre praktiziert wird, aufgehoben.
In der Folge wird zukünftig Behandlungspflege in der stationären Pflege vergleichbar wie in der ambulanten Pflege über die Krankenversicherung finanziert. Konkret heißt dies, die 8000 Stellen belasten die Krankenkassen und nicht das Budget der Pflegekassen. 

Das Pflegesystem wird somit noch keine zusätzliche Leistung für den Aufbau des Pflegepersonals erbringen, hier besteht noch viel Luft nach oben. Erforderlich sind mindestens 45.000 zusätzliche Stellen. 

Die Sitzungsunterlagen sowie die Zusammenfassung der Beiträge sind unter dem folgenden Link zu finden:

https://www.bundestag.de/gesundheit?galeries=gallery_499010#url=L2Rva3VtZW50ZS90ZXh0YXJjaGl2LzIwMTgva3cxNi1wYS1nZXN1bmRoZWl0c2F1c3NjaHVzcy81NDkxMzQ/Z2FsZXJpZXM9Z2FsbGVyeV80OTkwMTA/Z2FsZXJpZXM9Z2FsbGVyeV80OTkwMTA=&mod=mod539878

Aufnahmestopp in NRW-Pflegeheimen

Gemäß Rheinischer Post vom 3. April 2018 bestätigt das zuständige Ministerium, dass am 1.8.2018 endgültig die Übergangsfrist für die Umsetzung der 80-prozentigen Einzelzimmerquote in allen NRW-Pflegeeinrichtungen endet. Die Konsequenz für die rund 550 Pflegeeinrichtungen, die dieses Ziel nach 15 Jahren Anpassungszeit nicht erreichen, lautet: Einzugsstopp.

Konkret heißt dies, dass ein freiwerdender Platz in einem Doppelzimmer nicht wieder vergeben werden darf, so lange bis die 80 Prozent Einzelzimmer in der Einrichtung nachgewiesen sind. Es ist davon auszugehen, dass die Heimaufsichten diesem Prozess engmaschig begleiten werden.

Um den steigenden Nachfragebedarf nach Kurzzeitpflege zu bedienen,
wurde vom Ministerium eine Abweichung von der WTG-Auflage eingeräumt. Hiernach dürfen Kurzzeitpflegeplätze in Doppelzimmern bis 2021 beibehalten werden.

Einige Träger-Vertreter beklagen inzwischen, dass durch diese Regelung pflegebedürftige Menschen unversorgt blieben. Und ein privater Trägerverband argumentiert, dass bestehende Plätze wegen einer politischen Entscheidung abgebaut würden, obwohl die Nachfrage nach Doppelzimmern immer noch hoch sei.

Solche Argumente beweisen nur, dass Träger seit Jahren geschlafen und eben nicht die Interessen älterer auf Pflege angewiesen Menschen vertreten haben. Und die „hohe Nachfrage von Doppelzimmern“ als Argument gegen die WTG-Umsetzung zu verwenden, ist völlig daneben und wenig professionell.

Bundesrat fordert angemessene Personalschlüssel

Um die Sicherstellung von angemessenen Personalschlüsseln in der Pflege ging es dem Bundesrat in einer Entschließung vom 23. März 2018.
Die Forderungen sind nicht ohne Brisanz.


Der Bundesrat fordert die Bundesregierung dazu auf, gesetzliche Personalschlüssel für stationäre Pflegeeinrichtungen nach dem SGB XI einzuführen, die bundeseinheitlich gleich sind, und sicherstellen, dass überall gleich hohe Maßstäbe verbindlich gelten. Zur Finanzierung seien die Sachleistungen der Pflegeversicherung kontinuierlich an die Personalentwicklung anzupassen. Die im kommenden Jahr einzuführenden Untergrenzen müssten in sämtlichen Bereichen gelten, in denen Pflegepersonal tätig ist. Keinesfalls dürften die Vorgaben nur in den pflegeintensiven Bereichen Anwendung finden. Ansonsten drohe die Gefahr, dass Personal von Stationen ohne Personalschlüssel abgezogen wird. Wichtig sei außerdem, dass die Vereinbarung 24 Stunden gilt und eine bedarfsgerechte Versorgung sowie Pflege der Patientinnen und Patienten sicherstellt.

Darüber hinaus machten die Länder deutlich, dass der Personalschlüssel nur durch Fachpersonal und nicht etwa Auszubildende erfüllt werden darf.
Um Personalknappheit und mögliche Versorgungsengpässe insbesondere im ländlichen Raum zu vermeiden, seien Bund, Länder und die Partner der Selbstverwaltung gemeinsam in der Verantwortung, umfassende Maßnahmen zur Fachkräftesicherung zu ergreifen. Nur so könnten Personaluntergrenzen umgesetzt und eingehalten werden.


Damit die zusätzlichen Personalkosten die Krankenhäuser nicht über Gebühr belasten, soll nach Ansicht des Bundesrates die Gesetzliche Krankenversicherung für deren Finanzierung aufkommen.
Außerdem plädiert er dafür, die Sachleistungen in der Pflege an die Personalentwicklung anzupassen. Ansonsten sei zu befürchten, dass die finanziellen Folgen der Personalverbesserung allein von den Pflegebedürftigen getragen werden.

Die Entschließung enthält auch einen Passus zur stationären Hebammenbetreuung: Hier erwartet der Bundesrat ebenfalls die Festsetzung eines angemessenen Personalschlüssels. Die Entschließung wird nun der Bundesregierung zugeleitet. Für die Befassung gibt es allerdings keine festen Fristen.


Das SGB V verpflichtet den Spitzenverband der Krankenkassen und die Deutsche Krankenhausgesellschaft, unter Beteiligung des Verbandes der Privaten Krankenversicherung zum 1. Januar 2019 Personaluntergrenzen
für alle pflegeintensiven Bereiche einzuführen. Die Definition des
pflegeintensiven Bereichs obliegt den Vertragsparteien.
Sollte die Vereinbarung nicht zustande kommen, muss das Bundesgesundheitsministerium die Personalschlüssel per Verordnung
zeitnah regeln.

 
Quelle CareInvest 26.03.18 
 

Leitmesse Altenpflege – Was gibt es Neues?

Im Eröffnungsvortrag hat Prof. Schulz-Nieswandt, KDA-Vorstandsvorsitzender, die politischen Bekundungen im Koalitionsvertrag als nicht ausreichend bezeichnet. Die Stärkung des Versorgungsauftrags der Kommunen hat er positiv angemerkt, allerdings sieht er die Notwendigkeit , Prozesse zu steuern statt diese nur zu koordinieren und zu moderieren. Die Verbindung zu den Grundwerten von Europa: Freiheit, Gleichheit und Solidarität wie im  Koalitionsvertrag verankert, hat er als Grundwerte in der Pflege benannt, die auch Basis für die Ausrichtung  der Pflegepolitik sein müssen.
Frau Moll, eine Altenpflegerin mit 27 Jahren Berufserfahrung, die seit
die seit September 17 als Abgeordnete im Bundestag und im Gesundheitsausschuss sitzt, hat im Interview hinterlassen, dass sie sich dort vehement für die Belange der Altenpflege einsetzt. Frau Moll gab zu bedenken, dass in den vorhandenen Strukturen, wo vorrangig Personen ohne Bezug zur Pflege agieren, dicke Bretter zu bohren sein.

Die Podiumsdiskussion mit Herrn Meurer bpa, Herrn Prof. Rosenbrock (Bundesverband der Wohlfahrtspflege) und Herrn Wagner (Deutscher Berufsverband Pflege) brachte keine neuen Argumente,viel mehr warten alle drei Akteure auf die Politik, die es richten muss, damit ausreichend Pflegefachkräfte auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen und attraktive Arbeitsplätze angeboten werden.

Leider haben die Akteure ihre eigene Verantwortung als Arbeitgeber und damit als Verantwortliche für das Management und die Schaffung von attraktiven Arbeitsplätzen nicht erwähnt- weil nicht gesehen und verstanden?!
Bleibt abzuwarten, welche Reaktionen auf die wichtigste Messe der Branche folgen werden und ob es wirklich etwas Neues gibt.

„Pflege muss zur Schicksalsfrage der Nation werden“

 

Claus Fussek, ein guter Freund und Wegbegleiter von mir
im Kampf für eine Verbesserung der Rahmenbedingungen
in der Pflege, kämpft seit 40 Jahren für die Rechte
von Pflegenden und Pflegebedürftigen.
Täglich erreichen ihn erschreckende Berichte über Zustände
in den Einrichtungen. 50.000 kamen im Lauf der Jahre zusammen.
Im Interview spricht er darüber, weshalb er auch mit 65 Jahren
noch nicht aufhören kann.

Ich stimme Claus Fussek zu: die Situation in der Pflege muss endlich parteiübergreifend grundlegend aufgegriffen und als eines
der wichtigsten gesellschaftlichen Themen gelöst werden.
Die Pflege ist schon viel zu lange zu einem Spielball der Interessen
des Geldes und nicht der Menschen geworden.

Und ich füge hinzu: wenn die Politik das Thema nicht zu einer
„Schicksalsfrage die Nation“ macht, werden wir eines Tages
zu Pflegende in andere Länder exportieren müssen,
weil es in Deutschland keine Pflegenden mehr gibt.

Link zum Interview

Sozialunternehmen fordern radikales Umsteuern

Alexander Künzel und Ulrich Kuhn vom Netzwerk SONG, einem Zusammenschluss von Sozialunternehmen – ich war Mitinitiator dieses Netzwerkes – sind überzeugt:

„Der Tsunami des demographischen Wandels wird unser Pflege- und Gesundheitssystem auseinanderreißen. Um das zu verhindern, braucht
es eine radikale Umsteuerung in unserer Pflegepolitik.“
Und sie machen dafür konkrete Vorschläge, wie die Zeitschrift
„sozialreport sg“ in ihrer Ausgabe vom 12. Februar 2018 berichtet:

„Jenseits aller lobbygesteuerten Stellungnahmen zum Projekt Pflege in der Großen Koalition versucht das Netzwerk SONG, „unparteiisch, aber nicht neutral, die tatsachliche Dimension des Themas Pflege zu politisieren“, so Alexander Künzel(Vorstandsvorsitzender der Bremer Heimstifung) und Ulrich Kuhn (Stiftung Liebenau, Geschäftsführer des Netzwerk:
Soziales neu gestalten – SONG). Ihr Statement:

„Ob (begrüßenswerte) Tarifbindung, ob (vollig unzureichende) Stellenaufstockung, ob (noch lange nicht geklarte) Generalistik – all diese Detail-Themen treffen den Kern der Jahrhundertaufgabe nicht! Es braucht eine radikale Umsteuerung in unserer Pflegepolitik.

Wir erleben schon jetzt, dass der demografische Wandel mit seinem dramatischen Mangel an hauptamtlichem Personal in den Pflege- und Gesundheitsberufen zum Kollaps traditioneller Versorgungssettings führt! Gerade im Kontext des Themas Pflege müssen deswegen im jeweiligen Wohnquartier zwischen Zivilgesellschaft und Hauptamtlichkeit neue, tragfähige Sorgesettings entwickelt werden.

Stärkung der Pflege-Architektur vor Ort

Insoweit bedeutet eine spürbare Quartiersstarkung gleichzeitig auch eine Stärkung der Pflege-Architektur vor Ort. Wie sichern wir den sozialen Zusammenhalt und wie verhindern wir in einer vielfältiger werdenden Gesellschaft Egoismus, Vereinzelung und Spaltungen in isolierte Gruppen und Milieus? Dies ist eine zentrale Zukunftsherausforderung sowohl hinsichtlich des Miteinanders der Generationen im demographischen Wandel, des zunehmenden Wohlstandsgefälles, der Stadt-Land-Unterschiede, der Disparitäten am Wohnungsmarkt, der Integration von Zugewanderten als auch der Inklusion von Menschen mit Behinderung.

Daher sollte der Einsatz für den sozialen Zusammenhalt ein Kernanliegen der künftigen Regierungskoalition im Bund sein.

Sozialpolitik muss hierfür aber aktiv werden und entsprechende Strukturen fördern. Es darf also nicht nur um materielle Verbesserungen für den individuellen Bürger über Steuersenkungen oder Sozialleistungen gehen, sondern um die konkrete Investition in den Aufbau von Kümmerer- und Vernetzungsstrukturen – nicht mehr nur über Modellprojekte, sondern durch eine systematische Verbreitung und Aufnahme bewährter Konzepte in das Regelsystem.

Quartiersansatz bundesweit etablieren

Sozialräumliche Konzepte, wie inklusive Quartiersprojekte, Mehrgenerationenhäuser, soziale Stadt-Projekte, Gemeinschaftswohnprojekte etc. haben gezeigt, wie vor Ort Engagement und Gemeinschaftlichkeit wirksam gefördert werden können. Gemeinwesenarbeit/Quartiersmanagement ist hierbei ein zentrales Instrument. Dies sollte systematisch und flächendeckend gefordert werden.

Eine Kofinanzierung diesbezuglicher lokaler Aktivitäten wäre z. B. denkbar über:

  • Bund-Länder-Programm Daseinsvorsorge (vgl. 7. Altenbericht der Bundesregierung)

  • Bundesstiftung „Zusammenhalt in Dorfern und Quartieren“

Bürger-Profi-Technik-Mix umsetzen

Um Selbstbestimmung und Teilhabe zu erreichen, sollte die Versorgung von assistenz- und pflegebedürftigen Menschen im Wohnquartier erfolgen. Angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels und der geringeren Leistungsfahigkeit familialer Versorgung sind gemischte Hilfenetzwerke aus Familie, Nachbarschaft, bürgerschaftlich Engagierten und professionellen Dienstleistungen erforderlich.

Die hierfür notwendige Aufgabe der Vernetzung und Koordination der verschiedenen Beteiligten ist im auf Einzelfallhilfe fixierten Sozialleistungssystem praktisch nicht vorgesehen. Wir schlagen daher vor, dass künftig ein bestimmter Anteil der Sozialleistungsausgaben fur dieses Case-Management eingesetzt wird.

Die Umsetzung ware z. B. denkbar über:

  • Individueller Rechtsanspruch auf Case-Management im jeweiligen Leistungsgesetz

  • Gemeinschaftsfonds Case-Management der Sozialkassen

Zu den Mitgliedern des Netzwerks SONG zählen
die Bank für Sozialwirtschaft, die Bertelsmann Stiftung,
die Bremer Heimstiftung, die Evangelische Heimstiftung (Stuttgart),
die Evangelisches Johannesstift – Altenhilfe gGmbH (Berlin),
das Evangelische Johanneswerk (Bielefeld),
das Kuratorium Deutsche Altershilfe, die Samariterstiftung (Nürtingen),
das Sozialwerk St. Georg (Gelsenkirchen),
die Stiftung Liebenau (Meckenbeuren),
die Franziskanerbrüder vom Heiligen Kreuz e.V. aus Bad Kreuznach
und die Stiftung Pfennigparade (München).“

gp

Pflege – Schicksalsfrage der Nation

Werner Schell – Pro Pflege Selbsthilfenetzwerk – hat in seiner Presse- Information vom 19.2.2018 folgende drei Zitate zum Thema Pflege veröffentlicht:

„Eigentlich ist die Pflege die Schicksalsfrage der Nation, weil jeder Bürger früher oder später mal von diesem Thema betroffen ist. Das ist allerdings eine unbequeme Wahrheit, die wir als Gesellschaft kollektiv verdrängen. Und wenn es uns dann doch betrifft, ist es zu spät.

Claus Fussek

 

„Für Ältere lässt sich eine Gesellschaft nur gut konstruieren, wenn wir die Jungen miteinbeziehen. Wir müssen generationsübergreifend denken!“

Zitat in „Pro Alter“, Ausgabe 01-02/2015 (Seite 32ff.), Zeitschrift des Kuratoriums Deutsche Altershilfe, – Interview mit Werner Schell – Titel: > Menschen – Der konstruktive Pflegekritiker.

 

„Selbst Menschen, denen es subjektiv gut geht, beschleicht das Gefühl, dass die Zukunft düsterer aussehen wird.“

Dorothee Krings im Beitrag „Leben in der Abstiegsgesellschaft“ (Rheinische Post vom 19.12.2016).

 

Was sich noch ändern muss!

Neben der personellen Unterbesetzung gibt es weitere
zahlreiche Problemfelder, die nicht als Alibi auf die Politik
abgewälzt werden können, weil Verbesserungspotenziale
in der Verantwortung von Verbänden, Trägern, Führenden
und Mitarbeitenden selbst liegen.
Ich will nur einige kurz skizzenhaft aufzählen:
Die Pflegebranche spricht nicht mit einer Stimme.
Verbände, leider auch Wohlfahrtsverbände, haben sich mit den
Pflegekassen und der Politik „arrangiert.“
Die Pflegenden selbst sind überwiegend immer noch nicht
professionell genug, klagen und jammern, statt die Macht
der Pflege zu begreifen, selbstbewusster aufzutreten und
die Erfolge ihrer Arbeit öffentlich zu kommunizieren.
Dazu zählen die wiedergewonnene Autonomie
des Bewohners,  die erhaltene oder neue Lebensfreude,
das „Überflüssig-Machen“ lebenseinschränkender Maßnahmen,
das Aufrechterhalten sozialer Netzwerke des Bewohners,
die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, das Verhindern von Risiken
oder die Absenkung der Pflegestufe in Folge guter fachlicher Arbeit.
Pflege muss endlich neu gedacht werden, damit Heime einen besseren Stellenwert in unserer Gesellschaft erhalten.
Doch viele Träger sind immer noch „träge“ und tragen nicht.
Missstände und Frustration sind in der Regel dort vorzufinden,
wo es keine werteorientierte Führung und Unternehmenskultur gibt.
Träger, Geschäftsführung und Heimleitungen tragen hier
eine große Verantwortung, jeden Tag dafür Sorge zu tragen, dass
die Würde des Menschen in keiner Situation verletzt wird.
Für eine derartige Kultur müssen sie den Raum schaffen.
Doch auch Mitarbeitende tragen ebenso eine solche Verantwortung,
wenn sie Missstände sehen und die Augen verschließen.
Dann machen sie sich mitschuldig.
Doch Pflegende müssen Anwälte der älteren Menschen sein.