Sind Heimbewohner doch Insassen? 

Es ist nicht zu fassen: es gibt immer noch Heime, die ihre Bewohner eingeschlossen und bis heute noch keine individuellen Besuchskonzepte erarbeitet haben. So berichten die Medien vom Schicksal eines 84-jährigen Mannes, der seit Wochen seine an Demenz erkrankte Frau nicht besuchen konnte. Mit Tränen in den Augen gibt er auf einer Demonstration ein Interview. Dort wird er von Demonstranten niedergebrüllt. Sein Schicksal bewegt viele. 

Es wird von absurden Hygienekonzepten mit derart verrückten Auflagen berichtet, dass mancher Bewohner seine Angehörigen gar nicht erkennt auf die Distanz mit Mundschutz und noch einer Glasscheibe dazwischen. 

Dies alles macht mich traurig und wütend. In meinem Beitrag “ Gefangen im Pflegeheim?“ habe ich hierzu deutlich Stellung bezogen.

Vor Corona wurde verschiedentlich – immer noch – statt von Heimbewohnern von Insassen gesprochen. Seit Corona sind aus vielen Heimen offensichtlich Gefängnisse geworden.

Die Pflegeethik Initiative beschreibt in ihrem Pflege Prisma vom 19. Mai 2020 viele Einzelbeispiele und stellt fest:

„Im Grunde beruhen alle Schutzmaßnahmen auf einem Hygieneverständnis, das den Infektionsschutz vor Covid-19 über alles stellt; ungeachtet der Schäden und Toten die dadurch an andere Stelle entstehen.   Die ursprüngliche Bedeutung von Hygiene (grichisch. Hygieia = Gesundheit) umfasst hingegen alles, was der Gesundheit dient.  Sowohl der WHO als dem RKI  muss vorgeworfen werden, bei ihren Empfehlungen zur Eindämmung von Seuchen,  mögliche Kollateralschäden nicht im Blick zu haben.  Da sich alle Nationen an den Empfehlungen dieser Institutionen  orientiert haben,  trifft sie auch die Hauptkritik an dem desaströsen Ergebnis.  Man kann nur hoffen, dass daraus die richtigen Lehren gezogen werden, damit sich so etwas nicht wiederholt.  Zum Vergleich sei hier an die Situation 2009 mit der Schweinegrippe erinnert, aus der leider nichts gelernt wurde.

Aber auch die Ärzte in den Kliniken und Gesundheitsämtern sollten ihr ärztliches Ethos überprüfen und sich den hippokratischen Grundsatz:  „Primum nihil nocere – zuerst nicht schaden“, vergegenwärtigen.

Die Besuchsverbote in den Heimen wie in den Krankenhäusern  gefährden nicht nur die Gesundheit und das Leben der Kranken, sie sind unmenschlich. Vorordnete Grausamkeit. So etwas dürfte es in einer zivilisierten Gesellschaft gar nicht geben.“

Diese Traueranzeige sagt alles aus.

Man könnte, man sollte, man müsste…!

Wenn ich das neue Positionspapier des Pflegebeauftragten Westerfellhaus – ausgerechnet am Internationalen Tag der Pflege – lese, bekomme ich – wie man im Ruhrgebiet sagt – einen ganz dicken Hals.

Das ewige Gelaber und die seit Jahren unendlichen Diskussionen über notwendige Verbesserungen in der Pflege kann doch langsam niemand mehr hören und ernst nehmen.

Die Pflege braucht kein weiteres Papier „Mehr PflegeKRAFT 2.0″,
sondern Politiker, die ihren schwammigen Worthülsen endlich Taten folgen lassen.
Bereits vor 30 Jahren habe ich die Probleme beschrieben und mit zahlreichen Wissenschaftlern und Pflegeexperten entsprechende Lösungen eingefordert. Doch es ist so gut wie nichts geschehen. 

Lesen Sie hierzu auch meine Beiträge „Klatschen allein reicht nicht“ sowie „Pflegenotstand: Warum ändert sich nichts? Und was muss sich ändern? 

Wenn Herr Westerfellhaus es wirklich ernst meint, soll er mit Belehrungen an Arbeitgeber und „klugen“ Sprüchen aufhören und endlich politische Entscheidungen herbeiführen.

Dann setzen Politik und Pflegebevollmächtigte die notwendigen Rahmenbedingungen schnellstmöglich  in Kraft und Betreiber schaffen attraktive Arbeitsplätze und gute Wohn- und Pflegequalität!

 

Gefangen im Pflegeheim?

Mit brüchiger Stimme gab die Kanzlerin in ihrer Regierungserklärung Bemerkenswertes zu Protokoll: „Mich belastet ganz besonders, was die Menschen erdulden müssen, die in Pflege-, Senioren- Behinderteneinrichtungen leben. Dort, wo Einsamkeit ohnehin zum Problem werden kann, ist es in Zeiten der Pandemie und ganz ohne Besucher noch viel einsamer.“

Das belastet auch mich ganz besonders, denn über 30 Jahre habe ich mich um ältere Menschen mit Pflegebedarf oder Demenz gekümmert und  entsprechende Wohn- und Sorge-Projekte verwirklicht. Es macht mich unendlich traurig, da ich weiß, dass Menschen mit einer Demenz die Lage kaum begreifen und unglücklich sind.

Der Autor Sönke Krüger, dessen Mutter dement, pflegebedürftig und in einem Pflegeheim lebt, beschreibt diese Situation in der Ausgabe
Die Welt vom 2. Mai 2020 sehr anschaulich: „ Es zerbricht mir das Herz, dass sie die Lage kaum begreift, dass sie, die sich in ihrem Heim bisher wohl gefühlt hat, weil sie dort unter Menschen war, nun von Tag zu Tag unglücklicher wird. Dass sie dem Schmerz des Alleinseins mit laut gestelltem Fernseher zu entkommen versucht, wobei es egal ist, was gerade läuft, „Hauptsache, es ist nicht so schrecklich still“. Dass sie mich neulich fragte: „Bin ich im Gefängnis?“

Die Bundeskanzlerin wurde in ihrer Rede noch emotionaler:
„Es ist grausam, wenn außer den Pflegekräften niemand da sein kann,
wenn die Kräfte schwinden und ein Leben zu Ende geht.“ 

Da hat sie natürlich recht. Aber ist es nicht die Pflicht von Gesellschaft und Regierung, dieses Grauen so gut es geht zu beenden? Dafür zu sorgen, dass doch wieder Angehörige da sein können? Angela Merkel sagte dann:
„Wir kämpfen den Kampf gegen das Virus auch für sie“, also für die isolierten Älteren in den über 14.000 deutschen Pflegeheimen. 

Ich sage: Nein, das wird nicht getan. Es ist der einfachste Weg, das Problem wegzuschieben. Die Älteren in den Pflegeheimen werden allein gelassen.

In meinem Beitrag „Menschenrechte verletzen Grundrechte“ habe ich geschrieben:

„Bewohner in Pflegeheimen jetzt viele Monate zu isolieren, ist unmenschlich und unzumutbar. Dies gilt erst recht für ältere Menschen, die im Sterben liegen, die von ihren Angehörigen nicht begleitet werden und sich nicht verabschieden können. Geht es nicht um ein menschenwürdiges und begleitetes Sterben, statt um einen einsamen, würdelosen Tod?

Jede Person, also auch der ältere Mensch, hat seine einzigartige Würde und Anspruch darauf, dass wir diese Würde respektieren und so viel wie möglich – auch finanziell – für deren Verwirklichung tun. Das muss unser Leitbild einer älterwerdenden Gesellschaft sein.

Bei allem Verständnis für strenge gesundheitliche Regelungen gilt es, hier Lösungen für Menschlichkeit und Augenmaß zu finden. Sonst fühlen sich die Bewohner in Pflegeheimen noch mehr als früher schutzlos ausgeliefert und die gut gemeinten Schutzmaßnahmen fördern nicht nur den sozialen Tod.

Auch der Vorschlag, Risikogruppen weiterhin in Quarantäne zu halten, ist abzulehnen. Es kann nicht sein, dass älteren Menschen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben verwehrt wird.“

Dazu kommt, dass die Pflegekräfte dort bis heute nicht genügend Schutzanzüge, medizinische Masken und Corona-Testkits zur Verfügung haben. Sie müssen sich auch noch selbst um die Bewältigung der Misere kümmern. Hier hätten alle Bewohner und Mitarbeitende längst getestet werden müssen, da es sich hier um Hoch-Risikogruppen handelt, wie vor allem die Virologen ständig gebetsmühlenartig bestätigen.“

Auf meinen Beitrag hin habe ich zahlreiche Zuschriften erhalten, die in ihrer Feststellung identisch sind: „Ich habe den Text gelesen und mir ist eins klar: ungeheuer schwierig, den von Ihnen geforderten Weg zu gehen, ohne die Menschen in diesen Corona-Zeiten zu gefährden! Ich denke, es wird sich was ändern, es muss sich etwas ändern!“

Ich habe geantwortet:“ Sie haben völlig recht, dass der von mir geforderte Weg schwierig ist. Doch er ist machbar, wenn man will mit entsprechenden Konzepten und mit den erforderlichen Schutzmaßnahmen. Aber die meisten Heimleitungen haben Angst und sperren lieber zu. Ich weiß sogar von Behörden, die ganz offen sagen, an Demenz Erkrankte sollten sediert und in ihren Zimmern eingeschlossen werden, damit sie im Heim nicht rumlaufen!

Es gibt viele Möglichkeiten: Es lassen sich Räume für Besuche organisieren mit Schutzkleidung für Angehörige. In den Speisesälen können die Tische soweit auseinander gezogen und in zwei Schichten gegessen werden, damit die Bewohner nicht im Zimmer auch noch alleine essen müssen.
Und vor allem: es ist doch eine Schande, dass nicht längst alle Mitarbeitenden in der Pflege getestet sind, ebenso Besucher, die in die Heime kommen. Und es immer noch an Schutzkleidung fehlt.“

Und es gibt weitere Lösungsansätze: In Baden-Württemberg und in der Schweiz sind in Eigeninitiative  „Haus-an-Haus-Lösungen“ entstanden und bereits erfolgreich im Einsatz. Es handelt sich hier um kleine Besuchshäuschen, die außen an Türen oder Fenstern von Pflegeheimen angedockt werden und ebenfalls mit virensicherer Glasscheibe und Gegensprechanlage ausgestattet sind. Angehörige sitzen in der einfach zu desinfizierenden Kabine und betreten das Heim nicht, während auf der anderen Seite der Scheibe die besuchten Bewohner sitzen. Eine Stuttgarter Firma bietet sie für unter 5000 Euro an.

Was können Heime sonst noch tun? Ich stimme Andreas Kruse, einem der renommiertesten Gerontologen Deutschlands uneingeschränkt zu,
der in dem Interview mit dem Südkurier vom 29.4.2020 sagt:
„Die Aktivierung der Bewohnerinnen und Bewohner ist von großer Bedeutung – und zwar mit Blick auf die verschiedenen Ebenen der Person: körperlich, geistig, emotional, sozial, spirituelle. Denn nur unter dieser Voraussetzung wird eine zentrale Aufgabe erfüllt: die Selbstbestimmung, die Teilhabe, die Kompetenz, die Lebensqualität der Bewohner zu fördern und zu erhalten. Es kommt hinzu: Bewohner benötigen möglicherweise psychologische und seelsorgerische Begleitung. Ich hatte sehr viel von einer Begleitung, die auf dem Wege von Telefon oder Skype erfolgt. Wir müssen erkennen: für viele Bewohner ist eine Grenzsituation gegeben, in der sie auf fachlichen Beistand angewiesen sind.“

Ich könnte noch viel mehr vorschlagen. Doch den meisten Trägern fehlt es an Mut und Kreativität, gehen lieber den leichten Weg und handeln im vorauseilenden Gehorsam. Und Heime, die vorher schon nicht mit Angehörigen zusammengearbeitet haben, nicht in den Gemeinden vernetzt waren, tun es in einer solchen Krise erst recht nicht. Erst recht möchte ich mir nicht ausmalen, was in den Heimen mit schlechter Pflege jetzt passiert.

Hier braucht es erst recht der sozialen Kontrolle durch Besuche von Angehörigen, Ehrenamlichen und bürgerschaftlich engagierten Personen. Diese Kontrolle ist viel wirksamer und entscheidender als die MDK- und Heimaufsichts-Prüfungen.

Es reicht nicht, wenn die Bundeskanzlerin sagt: „Vergessen wir nicht die 80- und 90-Jährigen, die unser Land aufgebaut haben und jetzt in zeitweiliger Isolation leben müssen.“

Auch hier muss endlich und dringend Geld in die Hand genommen werden. Während Bund und Länder gerade Hunderte Milliarden Euro an Hilfsgeldern großzügig und unbürokratisch an Kurzarbeiter und Freiberufler, an Schulen und Start-ups verteilen – dies ist wichtig und richtig ist-, dürfen die Älteren in Pflegeheimen nicht vergessen werden, sonst bleiben die Worte der Bundeskanzlerin leere Worthülsen.

Ich kann nur hoffen und werde auch weiterhin meine Stimme erheben, dass nach der Krise endlich Vieles auf den Prüfstand kommt.

Besuchsverbote verletzen Menschenrechte

Gerade ältere Menschen in Pflegeheimen treffen die Corona-Maßnahmen besonders hart. Daher brauchen wir Wege, wie Kontakte und Besuche wieder stattfinden können. Besuchsverbote setzen die Menschenrechte völlig aus der Kraft.

Ältere Menschen in Pflegeheimen sind zudem doppelt betroffen. Einerseits durch das Besuchsverbot und zum anderen, weil die Ansteckungsgefahr dort besonders hoch ist, wenn jemand infiziert ist.

In der jetzigen Situation ist für viele dieser Menschen die Einsamkeit ein sehr großes Problem. Sie beeinträchtigt nicht nur die Psyche, sie kann auch Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Vor allem an einer Demenz Erkrankte können die Situation nicht verstehen oder einordnen. Sie verstehen nicht, warum Ehepartner oder Angehörige nicht mehr zu Besuch kommen und suchen sie im ganzen Haus. Ich habe von einem Ehepaar gelesen, wo die Frau dement ist und nur Essen zu sich nimmt, wenn ihr Mann bei ihr ist. In solchen Fällen muss der Kontakt sofort ermöglicht werden. Ein anderes Beispiel: die Tochter kann nicht verstehen, warum sie mit ihrer Mutter, die im Rollstuhl sitzt, nicht spazieren gehen darf, wenn die erforderlichen Schutzmaßnahmen getroffen sind.

Bewohner in Pflegeheimen jetzt viele Monate zu isolieren, ist unmenschlich und unzumutbar.

Dies gilt erst recht für ältere Menschen, die im Sterben liegen, die von ihren Angehörigen nicht begleitet werden und sich nicht verabschieden können.
Geht es nicht um ein menschenwürdiges und begleitetes Sterben, statt um einen einsamen, würdelosen Tod?
Bei allem Verständnis für strenge gesundheitliche Regelungen gilt es, hier Lösungen für Menschlichkeit und Augenmaß zu finden. Sonst fühlen sich die Bewohner in Pflegeheimen noch mehr als früher schutzlos ausgeliefert und die gut gemeinten Schutzmaßnahmen fördern nicht nur den sozialen Tod.

Auch der Vorschlag, Risikogruppen weiterhin in Quarantäne zu halten,
ist abzulehnen. Es kann nicht sein, dass älteren Menschen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben verwehrt wird.

Zu allererst brauchen jetzt Pflegeheime Schutzkleidung für die Mitarbeitenden, damit alle bestmöglich vor Ansteckung geschützt sind. Aber auch, um Besuche mit Schutzkleidung und Mundschutzmasken zu ermöglichen.

So lange hier ein Mangel besteht, brauchen die Pflegeheime so schnell wie möglich technische Geräte wie Tablets, Smartphones oder das „Qwiek.up“. Hierbei handelt es sich um ein Gerät, das als Intervention oder Aktivität genutzt werden kann. Bilder, Musik oder Snoezelen-Module können an die Wand projiziert werden. Mit einem handelsüblichen Stick können Botschaften, Videos und Fotos aufgenommen  und im Pflegeheim abgespielt werden. So können Bewohner Kontakt zu ihren Kindern und Angehörigen aufrecht erhalten.

Die Pflegeheime sollten aber auch organisieren, wie sich die älteren Menschen untereinander treffen können, wenn sie gesund sind. Denn auch diese Gespräche und der Kontakt untereinander sind sehr wichtig.

Wo bleiben eigentlich in diesem Zusammenhang die Konzepte und Vorschläge der Träger, Verbände oder der Kirchen?

Die bekannt gewordenen Infektionsfälle mit vielen Todesfällen in Pflegeheimen – wobei längst nicht fest steht, dass hier immer  das Corona-Virus die Ursache ist – zeigen, dass auch die Altenpflege nur unzureichend auf die Epidemie vorbereitet ist. Dies betrifft die von mir seit fast 30 Jahren beklagte personelle Unterbesetzung der Pflegeheime und  die geforderte Aufstockung um ca. 30 Prozent, den Umgang mit begrenzten Ressourcen wie Schutzausrüstung ebenso wie die Verhältnismäßigkeit von Maßnahmen zur Reduzierung sozialer Kontakte in Pflegeheimen.

Es kann nicht sein, dass wir die älteren Menschen so lange isolieren, bis es einen Impfstoff gibt. Hier müssen schnellstens andere Regelungen gefunden werden, um Kontakte zu ermöglichen, z.B. in dem Besuche mit mehr Abstand stattfinden, in größeren Räumlichkeiten oder in Schutzkleidung.

Alle Einschränkungen für die Besuche von Angehörigen gehören permanent auf den Prüfstand und müssen, so bald wie möglich, durch mildere Maßnahmen wie besondere Hygienevorkehrungen und Tests ersetzt werden. Dies ist ein Gebot der Verhältnismäßigkeit und der Menschlichkeit.

Wie kann jedoch der Ausstieg aus dem Corona-Dilemma gelingen?

Auch hier teile ich das, was Adelheid von Stösser schreibt:

„Der erste Schritt wäre die Erkenntnis, dass ein „weiter so“  nur ins Verderben führen kann. Mit jedem Tag, mit jeder angstverbreitenden Berichterstattung, wird die Negativspirale beschleunigt.

Der zweite Schritt wäre die Erkenntnis der Notwenigkeit eines Richtungswechsels.  Wir müssen über einen komplett anderen Ansatz nachdenken. Nämlich die Frage: Wie können wir die Abwehrkräfte bei gefährdeten Personen, Bewohnern und Personal stärken? Denn der beste Schutz vor Covid-19 und anderen Krankheitserregern, die unvermeidlich in jedem Pflegeheim immer massenhaft unterwegs waren und sein werden, sind gesunde Verhältnisse: Liebe, Licht, Berührung, Zuversicht, Geborgenheit vermitteln, gutes gesundes Essen, Vitamin D und B12,  frische Luft, Bewegung, Ansprache,  positive Stimmung sowie alles das, was die Freude am Leben erhöht.  Nicht einsperren, nicht zu Hause bleiben, sondern raus in die wunderschöne Natur.  Gemeinsam statt einsam!  Raus aus der Isolation.  Aufatmen, durchatmen – und dies in der Vorstellung: Ich bin stark, mir geht es gut und ich lasse mir weder von Covid, noch von sonst etwas,  meine Lebensfreude rauben.“

in: Pflegeprisma – Das Magazin pflegeethik Initiative Deutschland e.V.
vom 9.4.2020. Den gesamten Beitrag finden Sie hier:

Wegducken und Abtauchen

Für Führungskräfte ist es in dieser Corona-Krise trotz aller Abstandsregeln wichtig, Nähe zu zeigen. Führungskräfte können jetzt beweisen, was in den farbigen Unternehmensbroschüren blumig beschrieben wird:
„Der Mitarbeiter im Mittelpunkt“. 

Die Mitarbeitenden sind gerade in dieser Zeit verunsichert, haben Angst um ihre Gesundheit und um ihren Arbeitsplatz. Sie brauchten Unterstützung und eine Perspektive.

Führungskräfte in der Gesundheits- und Pflegebranche haben derzeit viele Aufgaben zur gleichen Zeit. Sie müssen sich um die Patienten, Bewohner, die Angehörigen, das Umfeld kümmern und gleichzeitig die Liquidität sichern. Doch sie müssen vor allem auch auch Flagge zeigen. Insgesamt höre ich jedoch von den Führungskräften großer Pflegekonzerne hier viel zu wenig.

So erfahre ich, dass es Geschäftsführer gibt, die sich in’s Homeoffice verabschieden,  kein einziges Pflegeheim des Unternehmensverbundes besucht haben, ihre dortigen Führungskräfte im Regen stehen und mit der Verantwortung alleine lassen. Wegducken und Abtauchen ist hier das Führungsprinzip. Welch erbärmliche Haltung und Einstellung.

Mitarbeitende, leitende Pflegefachkräfte, auch Heimleitungen, vermissen Solidarität, Halt und die moralische Unterstützung, wenn sie ihre Arbeitgeber nicht zu Gesicht bekommen. „Die grössten Menschen sind jene, die anderen Hoffnung geben“.
(Jean Jaures, Historiker und Politiker)

Auch intern dürfen Führungskräfte jetzt nicht schweigen oder unsensibel kommunizieren. Kommunikation nach innen und nach außen ist das Gebot der Stunde: Offen, regelmäßig und transparent. Mitarbeitende fühlten sich sicher, wenn ihr Chef Sicherheit ausstrahlt. Zuspruch ist äußerst wichtig, denn Mitarbeitende sind durch die Krise ohnehin stark verunsichert.

Das Wort Krise kommt vom Griechischen „krinein“ – entscheiden.
Krisen sind also Situationen, die eine Entscheidung bringen oder erfordern.
Sie können uns aus der Bahn werfen und zwingen, unsere Ziele, Prioritäten, Grenzen und Hoffnungen zu überprüfen. Krisen brauchen also Werte, um Orientierung zu gewinnen und nach Fehlschlägen wieder neu zielgerichtet agieren zu können.

Und haben nicht alle Krisen, die wir in der Vergangenheit erlebt haben und mit der jetzigen erleben, eines gemein? Sie münden alle in eine Krise des Vertrauens, vor allem in die Führenden.

Gerade in Krisenzeiten ist starke Führung gefragt. Selbstbewusst und entschlossen. Wie jedes Führen heißt das: Mit sich selbst und mit anderen gut umzugehen, um vereinbarte Ziele gemeinsam zu erreichen. In der Krise, also unter erschwerten Bedingungen, gilt das um so mehr. Was hilft dabei?
Statt nach Problemen zu fragen, sind Lösungen die Lösung.

Ich sehe die Führungskräfte doppelt gefordert. Sie müssen nicht nur aufzeigen, wie man der aktuellen Herausforderung begegnet – mit intelligenten Einsatzplänen und in der Pflege mit organisatorischen Maßnahmen für die Bewohner, damit diese nicht noch schutzloser werden als sie ohnehin schon waren. Ich denke hier zum Beispiel trotz aller Sicherheitsvorkehrungen an Kontakte und Palliative Begleitung.
Lesen Sie hierzu meinen Beitrag „Besuchsverbote verletzen Menschenrechte“

Führungskräfte müssen eine Strategie entwickeln, wohin das Unternehmen unter den veränderten Vorzeichen mittel- und langfristig steuert. Sie müssen zudem zeigen, wie sie in einer Pflegelandschaft agieren wollen, in der nichts mehr sicher zu sein scheint. 

Der Umgang mit der Krise ist nicht nur für das kurzfristige wirtschaftliche Wohl des Unternehmens entscheidend – er hat auch Einfluss auf das Image in der Öffentlichkeit, bei Mitarbeitern und begehrten Bewerbern nach der Krise. Mitarbeitende werden stolz sein, wenn ihr Unternehmen die Krise  professionell gemeistert hat.  Pflegeunternehmen, die gestärkt aus der Krise herausgehen, werden für Arbeitssuchende besonders attraktiv sein. 

Insofern ist die Krise auch eine Chance. 

Wer vorher vielleicht nicht bekannt war, kann sein Image jetzt durch intelligentes Agieren stärken. Ich bin überzeugt, dass die so genannten gesundheitsrelevanten Berufe und hier vor allem die Pflege nach Überwindung der Krise einen ganz anderen Stellenwert in unserer Gesellschaft erhalten wird.
Lesen Sie hierzu auch meinen Beitrag „Klatschen alleine genügt nicht“.

Umgekehrt kann ein Unternehmen, das bislang einen guten Ruf hatte, durch Missmanagement in der Krise auch schnell an Ansehen verlieren.

 

Klatschen allein reicht nicht 

Es sind berührende Momente, wenn jeden Abend um 21:00 Uhr unzählige Menschen in vielen Städten wie auch in Köln mit ihrem Beifall-Klatschen den Ärzten und Pflegekräften ihren Dank, ihre Anerkennung und Wertschätzung für den Dienst in der Corona-Krise zum Ausdruck bringen. 

So schön und wertvoll diese Geste auch ist, sie reicht nicht. Ich hoffe und wünsche mir, dass alle die, die jetzt applaudieren, ebenfalls um 21:00 Uhr zu einem gellenden Pfeif-Konzert ansetzen, wenn die Politiker nach Überwindung der Krise nicht endlich und nachhaltig für eine Verbesserung der personellen und finanziellen Rahmenbedingungen in der Gesundheits- und Pflegebranche sorgen.

An dieser Stelle ist es mir fast schon unangenehm und peinlich, immer wieder darauf zu verweisen, dass ich bereits 1991 auf die tägliche 30 prozentige personelle Unterbesetzung der Pflege mit allen ihren dramatischen Auswirkungen hingewiesen habe. Es ist skandalös, dass in fast 30 Jahren so gut wie nichts geschehen ist. Meine damalige Analyse wurde jetzt aktuell im Februar 2020 in der „Rothgang-Studie“ zur Personalbemessung bestätigt. In diesem Zusammenhang ist die Aussage des Gesundheitsministers Jens Spahn „man habe nun erstmals verlässliche Zahlen über den Pflegebedarf“ nur noch zynisch. Denn sowohl  eine Expertise von Prof. Wingenfeld als auch das damalige KDA-Projekt „PLAISIR“ zur Personalbemessung hatten meine Untersuchungsergebnisse bestätigt und sind in der Versenkung verschwunden. 

(Lesen Sie hierzu auch meinen Beitrag „Pflegenotstand: Warum ändert sich nichts? Und was muss sich ändern?)

Bei einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen darf es allerdings nicht nur um Ärzte und Pflegekräfte gehen, sondern auch um alle anderen Professionen wie Küche, Hauswirtschaft, Reinigung, Therapie und andere, die ebenfalls maßgeblich an der Pflege und Versorgung kranker und pflegebedürftiger Menschen beteiligt sind. Wie will zum Beispiel ein Chirurg arbeiten, wenn der Operationssaal nicht klinisch einwandfrei gereinigt ist?

Vielleicht ist jetzt endlich die Zeit gekommen, dass das gesamte System auf den Prüfstand gestellt wird. Alle Mitarbeitenden in den so genannten systemrelevanten Berufsgruppen müssen besser bezahlt werden. Es kann doch nicht sein, dass Mitarbeiter in der Fertigungsindustrie höhere Löhne erhalten als Mitarbeitende der Pflegeberufe. Die Verantwortung für Maschinen wird offenbar immer noch höher eingestuft als die für Menschen. Es muss aufhören, dass Mitarbeitende in der Pflege als Kostenfaktoren gesehen werden und den „unproduktiven Dienstleistungen“ zugerechnet werden. Denn diese Berufe sind essenziell für unsere Gesellschaft, für das Wohlbefinden Einzelner und für den sozialen Zusammenhalt. 

Mit der Corona-Pandemie sehen wir deutlich, wie die Care-Berufe bisher dramatisch vernachlässigt wurden. Jetzt erhalten wir die Quittung dafür, dass in den letzten Jahren so viele, die ihren Beruf eigentlich lieben, ausgestiegen sind, weil sie es nicht verantworten können, in diesem System so zu arbeiten.

Wenn Rendite und Gewinnerzielung höchste Priorität geniessen, steht das Wohlergehen der Mitarbeitenden, Bewohner und Patienten in der Regel hinten an. Gewinne können meist nur gemacht werden, wenn Personalkosten reduziert werden. Dies rächt sich jetzt. Die Öffentlichkeit nimmt jetzt in der Corona Krise die katastrophale Situation in Kliniken und in der Pflege wahr, die allerdings immer schon der normale Alltag gewesen ist. Die Corona-Krise trifft auf ein Gesundheitssystem, das sich bereits seit langem im permanenten Ausnahmezustand befindet. Seit Jahren wird beschleunigt, verdichtet und die Effizienz gesteigert, um die Betriebe auf Gewinn zu trimmen.

Börsennotierte Unternehmen haben im Gesundheits- und Pflegesektor nichts verloren, weil es hier nicht um Waren geht, sondern um personenbezogene, zwischenmenschliche Dienstleistungen und Interaktivitäten sowie um Beziehungspflege.

Ziel muss auch sein, die Kapazitäten der Intensivmedizin soweit auszubauen, dass nicht ein Arzt entscheiden muss, welcher Patient noch behandelt werden kann und wer nicht, wie bereits in einigen europäischen Ländern geschehen. Das Alter allein darf kein Kriterium sein, sondern vor allem die Schwere der Erkrankung, damit keine Diskussion um „lebenswertes“ Leben entsteht und ethische Grundregeln über Bord geworfen werden.

Diese Wochen der Angst und Sorge zeigen uns deutlich die eigene Fragilität, Verletzlichkeit und das Angewiesensein auf andere Menschen und zwar ein Leben lang. Vielleicht führt die Erkenntnis über die Zerbrechlichkeit des eigenen Lebens zu einer radikalen Bewusstseinsänderung und damit ebenfalls zu einem radikalen Systemwechsel.

Ich werde weiterhin dafür kämpfen.

120000 Pflegekräfte fehlen

Ein Gutachten im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums hat ergeben, dass derzeit 120.000 zusätzliche Pflegekräfte nötig wären, um die Pflegebedürftigen in Pflegeheimen angemessen zu betreuen. Demnach müsste die Zahl der Pflegekräfte von jetzt 320.000 auf 440.000 erhöht werden, was jährlich rund vier Milliarden Euro zusätzlich kosten würde. Um die hohe Arbeitsbelastung des Pflegepersonals zu senken, müsste sich dem Gutachten zufolge auch der Personalschlüssel ändern: Eine Pflegekraft sollte im Schnitt nur noch 1,8 Patienten versorgen statt bisher 2,5. Das Gutachten stellt fest, dass die Personalschlüssel um 36 Prozent angehoben werden müssten.

Dies ist traurig, aber noch mehr beschämend. Denn bereits 1991 – also vor 29  Jahren . habe ich in einer eigenen Untersuchung eine tägliche personelle Unterbesetzung von 30 Prozent nachgewiesen. Und dies ist der eigentliche Skandal. Es ist seitdem in dieser Hinsicht nichts geschehen. Die Pflegenden wurden von der Politik im Stich gelassen. Es wäre in all den Jahren so leicht gewesen, in jedem Heim diese personelle Lücke von ca. 30 Prozent zu füllen. Nur zwei bis drei Mitarbeitende je Pflegegruppe und Heim mehr – es mussten keine Fachkräfte sein – dann wären nicht die heutigen Belastungen, Arbeitsverdichtungen, Burnout, Flucht aus der Pflege, die permanente Unzufriedenheit und das Negativ-Image sowie die zahlreichen Mängel in der Pflege und Versorgung älterer Menschen mit Pflegebedarf oder Demenz entstanden. Meine jahrelangen Hinweise und Appelle an Politik und Verbände sind immer wieder ins Leere gelaufen.

Und wo sollen die jetzt festgestellten 120.000 zusätzlichen Pflegekräfte auf einmal herkommen? Der Pflegemarkt ist leer gefegt. Die Pflegepolitik der letzten Jahre ist damit total gescheitert.

Es muss nun schnellstens ein Instrument der Personalbemessung eingesetzt werden, das sich an den tatsächlichen Bedarfen älterer Menschen mit Pflegebedarf ausrichtet und darüberhinaus in Verbindung mit höheren Vergütungen und besseren Arbeitsbedingungen. Dann werden „geflüchtete“ Pflegekräfte -eventuell – zurück kommen und neue Mitarbeitende  können erfolgreich gewonnen werden. Das wäre die Lösung, die ich seit vielen Jahren fordere. Alle halbherzigen „Reförmchen“ sind gescheitert und bringen uns nicht weiter. Klar ist aber auch, dass die Neugestaltung der Personalbemessung teuer wird. Dazu muss ergänzend eine Pflege-Finanzreform her, die aus Steuermitteln gestützt wird!

Lesen Sie hierzu auch meine Artikel

„Pflegenotstand: Warum ändert sich nichts? Und was muss ich ändern?“    

und auch

„Die Situation wird wird bedrängend -Bricht die Pflege zusammen, weil die Personalschlüssel nicht ausreichen? “, Altenpflege 7/91, den Sie  hier lesen.

sowie den Beitrag in der ÄrzteZeitung vom 25.2.2020

„Mehr Assistenzkräfte für Pflegeheime“

Personalschlüssel: Neueste Erkenntnisse oder ein Skandal?

Das Pro Pflege – Selbsthilfenetzwerk hat in seiner aktuellen Presseinformation vom 14.02.2020 auf eine Studie von Professor
Heinz Rothgang hingewiesen, in der von einem Personalmehrbedarf in der Altenpflege von circa 30 Prozent die Rede sein soll.

Als jemand, der fast 40 Jahre für eine Verbesserung der Rahmenbedingungen in der Altenpflege kämpft, muss ich dieses „Rothgang-Ergebnis“ als schlechten Witz empfinden. 

Die 30 Prozent-Erkenntnis hätte man schon vor 29 Jahren durch meine Untersuchung in der CBT „umsonst“ haben können und entsprechend handeln müssen !!
Lesen Sie hier meinen Artikel von 1991!!

Doch die Politik hat diese Problematik nicht zur Kenntnis genommen.
Schon damals habe ich ein Gespräch mit dem  Sozialminister
Norbert Blüm führen können, der hat genauso wenig verstanden oder verstehen wollen wie später Jens Spahn als Gesundheitspolitischer Sprecher der CDU Fraktion sowie vor zwei Jahren Herr Gröhe als Gesundheitsminister.

Auch  bei den Verbänden habe ich kein Gehör gefunden, so dass ich damals schon gesagt habe:
„Eines Tages werden wir zu Pflegende in andere Länder exportieren müssen, weil es in Deutschland keine Pflegenden mehr gibt.“

Dies ist der eigentliche Skandal, dass 29 Jahre verantwortliches Handeln von der Politik unterlassen wurde. Daher ist nicht zu erwarten, dass die jetzt bestätigte Erkenntnis in aktuelles Handeln mündet.
Die gleichen Mechanismen wie damals werden auch heute wieder dazu führen, dieses Ergebnis der täglichen personellen Unterbesetzung nicht anzuerkennen.
Denn sowohl  eine Expertise von Prof. Wingenfeld als auch das damalige KDA- Projekt „PLAISIR“ zur Personalbemessung hatten meine Untersuchungsergebnisse bestätigt und sind in der Versenkung verschwunden. 

Es ist eine Schande, wie stiefmütterlich nach wie vor eines der wichtigsten gesellschaftspolitischen Themen von der Politik behandelt wird.

Lesen Sie zur Gesamt-Thematik auch meinen aktuellen Beitrag in der neuesten Ausgabe von ProAlter:

„Pflegenotstand: Warum ändert sich nichts?
Und was muss sich ändern?“