Klartext

Ellen Wappenschmidt-Krommus, eine langjährige Pflegeexpertin in unterschiedlichen Aufgabenfeldern und Funktionen, hat in einem Schreiben an den Pflegebeauftragten der Bundesregierung Andreas Westerfellhaus Klartext gesprochen und die wirklichen Probleme der Pflege leidenschaftlich, fachlich kompetent auf den Punkt gebracht.

Demnach liegt das Kernproblem der Altenpflege in der täglichen personellen Unterbesetzung von mindestens 30 Prozent. Dies ist der eigentliche Skandal. Denn diese Tatsache, die ich bereits 1990 nachgewiesen habe und somit seit 30 Jahren bekannt ist, –  lesen Sie hierzu auch meinen Beitrag “ Pflegenotstand: Warum ändert sich nichts? Und was muss sich ändern?“ – ohne dass Politik und Selbstverwaltung hierauf reagiert hätten.

Wir haben schon lange kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem. Das ewige Gelaber der Politik, die leeren Versprechungen, die unzähligen Kongresse, immer weitere Experten-Standards, wenig hilfreiche Papiere wie „Mehr PflegeKRAFT 2.0 sind Nebelkerzen und lenken nur von dem wirklichen Problem ab.

In jeder Schicht eine tägliche personelle Unterbesetzung von mindestens 30 Prozent führen zu Arbeitsverdichtungen, Fließbandarbeit, Krankheit, Burn out, Unzufriedenheit, Frustation und damit auch zu Fehlern, Mängeln in der Pflege, zu Missständen und menschenunwürdigem Verhalten. Lesen Sie hierzu auch das Statement „Wie verhindern wir Gewalttaten in der Pflege – 7 Vorschläge“.

Hier liegt also der dringende Handlungsbedarf und nicht in erster Linie in der Auszahlung von Boni und mehr Gehalt. Der Pflegebereich ist angewiesen auf mehr Mitarbeitende mit hoher menschlicher und fachlicher Kompetenz.

Ausgeklatscht

Cartoon von Thomas Plaßmann 

Es sind berührende Momente, so schrieb ich am 29. März 2020 in meinem Artikel „Klatschen allein reicht nicht“, wenn jeden Abend um 21:00 Uhr unzählige Menschen in vielen Städten wie auch in Köln mit ihrem Beifall-Klatschen den Ärzten und Pflegekräften ihren Dank, ihre Anerkennung und Wertschätzung für den Dienst in der Corona-Krise zum Ausdruck bringen. 

So schön und wertvoll diese Geste auch ist, so schrieb ich weiter in meinem Artikel,  sie reicht nicht. Ich hoffte und wünschte mir, dass alle die, die applaudierten, ebenfalls um 21:00 Uhr zu einem gellenden Pfeif-Konzert ansetzten, wenn die Politiker nach Überwindung der Krise nicht endlich und nachhaltig für eine Verbesserung der personellen und finanziellen Rahmenbedingungen in der Gesundheits- und Pflegebranche sorgten.

Zu Beginn der Corona-Krise waren sich also alle einig, dass Pflegekräfte besondere Wertschätzung verdienen. Was ist aus den Versprechen geworden?

„Heldinnen und Helden des Alltags“ nannte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) die Angestellten in der Pflege im Mai. Diese Menschen hätten „nicht nur warme Worte, sondern langfristig auch bessere Löhne verdient“. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) wollte sich persönlich dafür einsetzen, dass Pfleger und Schwestern, die in der Krise besonders gefordert seien, Zusatzleistungen erhalten. Um all jenen, so meinte Spahn damals, „die jetzt in dieser Zeit besonders mit anpacken, in den Kliniken, in den Praxen, in der Gesundheitspflege“, am Ende sagen zu können: „Das wollen wir auch finanziell noch mal besonders vergüten.“ Worte, die wohl Mut machen sollten. Für harte Arbeit auf den Intensivstationen über die Normalarbeitszeit hinaus. Für unzählige Überstunden. Für die Gefahr, sich mit Covid-19 anzustecken. Für oft übermenschliche Anstrengungen, die nötig sind, um möglichst viele Leben zu retten.

Jetzt, knapp drei Monate später ist der Applaus an den Fenstern verstummt. Die von Spahn versprochene Corona-Prämie wurde auf den Weg gebracht. Doch die Prämie geht nur an Mitarbeitende in der Altenpflege. Pflegekräfte in den Krankenhäusern erhalten: nichts. Lediglich  Bayern zahlt den Krankenpflegekräften einen Bonus von 500 Euro und Schleswig-Holstein bis zu 1500 Euro.

Dabei wäre eine bundeseinheitliche Corona-Prämie für alle Pflegekräfte durchaus finanzierbar gewesen. Etwa 1,7 Millionen Beschäftigte gibt es in der Alten- und Krankenpflege. Eine Einmalzahlung von 1.500 Euro für alle Mitarbeitende hätte den Bund ca.  2,6 Milliarden Euro gekostet. Zum Vergleich: Für das Rettungspaket der Lufthansa will die Bundesregierung 9 Milliarden Euro bereitstellen. Das gerade verabschiedete Konjunkturpaket, das etwa die Senkung der Mehrwertsteuer oder Kaufprämien für E-Autos vorsieht, ist 130 Milliarden Euro schwer – das Wort „Pflege“ kommt darin kein einziges Mal vor. Nichts mehr ist zu hören von den versprochenen Strukturreformen einschliesslich der Verbesserung der Personalschlüssel.

Ein Trauerspiel und ein fatales Signal an die Pflegekräfte und in die Gesellschaft hinein: wie immer in den letzten Jahrzehnten, obwohl Pflege und Gesundheitswirtschaft eine der wichtigsten Branchen der Volkswirtschaft sind.

Eine grossartige Frau wird 90

 

 

Eine großartige Frau wird 90 Jahre. Ihr Zitat: „Es kommt nicht darauf an, wie alt man wird, sondern wie man alt wird“, lebt Ursula Lehr bis heute und ist damit auch für mich bei eigenem Älterwerden Vorbild. Mit ihrer positiven Einstellung zum Altern verkörpert sie die neue Generation der Senioren, die heute in fast allen Lebensbereichen aktiver und mobiler ist als früher.

Meine Verbindung zu Ursula Lehr geht auf das Jahr 1989 zurück, in dem wir in Bonn das CBT-Wohnhaus Emmaus in Betrieb nahmen und Ursula Lehr als Bundesfamilienministerin das neuartige Konzept „Wohnen und Pflegen als Einheit“ als zukunftsorientiert bezeichnete: „Erstmals in Deutschland muss kein älterer Mensch mehr bei einem Wechsel der Pflegebedürftigkeit umziehen.“

Gemeinsam mit Ursula Lehr bin ich im Kuratorium Deutsche Altershilfe.
Frau Prof.  Dr. Lehr wurde 1974 als Kuratorin berufen und ist damit auch eine der wichtigen Zeitzeuginnen aus den Anfängen des KDA.

Mit einem Beitrag auf der Webseite „Besondere Zeiten erfordern besondere Glückwünsche“ gratuliert das KDA Frau Prof. Lehr zum 90. Geburtstag mit Botschaften:

 

Sind Heimbewohner doch Insassen? 

Es ist nicht zu fassen: es gibt immer noch Heime, die ihre Bewohner eingeschlossen und bis heute noch keine individuellen Besuchskonzepte erarbeitet haben. So berichten die Medien vom Schicksal eines 84-jährigen Mannes, der seit Wochen seine an Demenz erkrankte Frau nicht besuchen konnte. Mit Tränen in den Augen gibt er auf einer Demonstration ein Interview. Dort wird er von Demonstranten niedergebrüllt. Sein Schicksal bewegt viele. 

Es wird von absurden Hygienekonzepten mit derart verrückten Auflagen berichtet, dass mancher Bewohner seine Angehörigen gar nicht erkennt auf die Distanz mit Mundschutz und noch einer Glasscheibe dazwischen. 

Dies alles macht mich traurig und wütend. In meinem Beitrag “ Gefangen im Pflegeheim?“ habe ich hierzu deutlich Stellung bezogen.

Vor Corona wurde verschiedentlich – immer noch – statt von Heimbewohnern von Insassen gesprochen. Seit Corona sind aus vielen Heimen offensichtlich Gefängnisse geworden.

Die Pflegeethik Initiative beschreibt in ihrem Pflege Prisma vom 19. Mai 2020 viele Einzelbeispiele und stellt fest:

„Im Grunde beruhen alle Schutzmaßnahmen auf einem Hygieneverständnis, das den Infektionsschutz vor Covid-19 über alles stellt; ungeachtet der Schäden und Toten die dadurch an andere Stelle entstehen.   Die ursprüngliche Bedeutung von Hygiene (grichisch. Hygieia = Gesundheit) umfasst hingegen alles, was der Gesundheit dient.  Sowohl der WHO als dem RKI  muss vorgeworfen werden, bei ihren Empfehlungen zur Eindämmung von Seuchen,  mögliche Kollateralschäden nicht im Blick zu haben.  Da sich alle Nationen an den Empfehlungen dieser Institutionen  orientiert haben,  trifft sie auch die Hauptkritik an dem desaströsen Ergebnis.  Man kann nur hoffen, dass daraus die richtigen Lehren gezogen werden, damit sich so etwas nicht wiederholt.  Zum Vergleich sei hier an die Situation 2009 mit der Schweinegrippe erinnert, aus der leider nichts gelernt wurde.

Aber auch die Ärzte in den Kliniken und Gesundheitsämtern sollten ihr ärztliches Ethos überprüfen und sich den hippokratischen Grundsatz:  „Primum nihil nocere – zuerst nicht schaden“, vergegenwärtigen.

Die Besuchsverbote in den Heimen wie in den Krankenhäusern  gefährden nicht nur die Gesundheit und das Leben der Kranken, sie sind unmenschlich. Vorordnete Grausamkeit. So etwas dürfte es in einer zivilisierten Gesellschaft gar nicht geben.“

Diese Traueranzeige sagt alles aus.

Man könnte, man sollte, man müsste…!

Wenn ich das neue Positionspapier des Pflegebeauftragten Westerfellhaus – ausgerechnet am Internationalen Tag der Pflege – lese, bekomme ich – wie man im Ruhrgebiet sagt – einen ganz dicken Hals.

Das ewige Gelaber und die seit Jahren unendlichen Diskussionen über notwendige Verbesserungen in der Pflege kann doch langsam niemand mehr hören und ernst nehmen.

Die Pflege braucht kein weiteres Papier „Mehr PflegeKRAFT 2.0″,
sondern Politiker, die ihren schwammigen Worthülsen endlich Taten folgen lassen.
Bereits vor 30 Jahren habe ich die Probleme beschrieben und mit zahlreichen Wissenschaftlern und Pflegeexperten entsprechende Lösungen eingefordert. Doch es ist so gut wie nichts geschehen. 

Lesen Sie hierzu auch meine Beiträge „Klatschen allein reicht nicht“ sowie „Pflegenotstand: Warum ändert sich nichts? Und was muss sich ändern? 

Wenn Herr Westerfellhaus es wirklich ernst meint, soll er mit Belehrungen an Arbeitgeber und „klugen“ Sprüchen aufhören und endlich politische Entscheidungen herbeiführen.

Dann setzen Politik und Pflegebevollmächtigte die notwendigen Rahmenbedingungen schnellstmöglich  in Kraft und Betreiber schaffen attraktive Arbeitsplätze und gute Wohn- und Pflegequalität!

 

Gefangen im Pflegeheim?

Mit brüchiger Stimme gab die Kanzlerin in ihrer Regierungserklärung Bemerkenswertes zu Protokoll: „Mich belastet ganz besonders, was die Menschen erdulden müssen, die in Pflege-, Senioren- Behinderteneinrichtungen leben. Dort, wo Einsamkeit ohnehin zum Problem werden kann, ist es in Zeiten der Pandemie und ganz ohne Besucher noch viel einsamer.“

Das belastet auch mich ganz besonders, denn über 30 Jahre habe ich mich um ältere Menschen mit Pflegebedarf oder Demenz gekümmert und  entsprechende Wohn- und Sorge-Projekte verwirklicht. Es macht mich unendlich traurig, da ich weiß, dass Menschen mit einer Demenz die Lage kaum begreifen und unglücklich sind.

Der Autor Sönke Krüger, dessen Mutter dement, pflegebedürftig und in einem Pflegeheim lebt, beschreibt diese Situation in der Ausgabe
Die Welt vom 2. Mai 2020 sehr anschaulich: „ Es zerbricht mir das Herz, dass sie die Lage kaum begreift, dass sie, die sich in ihrem Heim bisher wohl gefühlt hat, weil sie dort unter Menschen war, nun von Tag zu Tag unglücklicher wird. Dass sie dem Schmerz des Alleinseins mit laut gestelltem Fernseher zu entkommen versucht, wobei es egal ist, was gerade läuft, „Hauptsache, es ist nicht so schrecklich still“. Dass sie mich neulich fragte: „Bin ich im Gefängnis?“

Die Bundeskanzlerin wurde in ihrer Rede noch emotionaler:
„Es ist grausam, wenn außer den Pflegekräften niemand da sein kann,
wenn die Kräfte schwinden und ein Leben zu Ende geht.“ 

Da hat sie natürlich recht. Aber ist es nicht die Pflicht von Gesellschaft und Regierung, dieses Grauen so gut es geht zu beenden? Dafür zu sorgen, dass doch wieder Angehörige da sein können? Angela Merkel sagte dann:
„Wir kämpfen den Kampf gegen das Virus auch für sie“, also für die isolierten Älteren in den über 14.000 deutschen Pflegeheimen. 

Ich sage: Nein, das wird nicht getan. Es ist der einfachste Weg, das Problem wegzuschieben. Die Älteren in den Pflegeheimen werden allein gelassen.

In meinem Beitrag „Menschenrechte verletzen Grundrechte“ habe ich geschrieben:

„Bewohner in Pflegeheimen jetzt viele Monate zu isolieren, ist unmenschlich und unzumutbar. Dies gilt erst recht für ältere Menschen, die im Sterben liegen, die von ihren Angehörigen nicht begleitet werden und sich nicht verabschieden können. Geht es nicht um ein menschenwürdiges und begleitetes Sterben, statt um einen einsamen, würdelosen Tod?

Jede Person, also auch der ältere Mensch, hat seine einzigartige Würde und Anspruch darauf, dass wir diese Würde respektieren und so viel wie möglich – auch finanziell – für deren Verwirklichung tun. Das muss unser Leitbild einer älterwerdenden Gesellschaft sein.

Bei allem Verständnis für strenge gesundheitliche Regelungen gilt es, hier Lösungen für Menschlichkeit und Augenmaß zu finden. Sonst fühlen sich die Bewohner in Pflegeheimen noch mehr als früher schutzlos ausgeliefert und die gut gemeinten Schutzmaßnahmen fördern nicht nur den sozialen Tod.

Auch der Vorschlag, Risikogruppen weiterhin in Quarantäne zu halten, ist abzulehnen. Es kann nicht sein, dass älteren Menschen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben verwehrt wird.“

Dazu kommt, dass die Pflegekräfte dort bis heute nicht genügend Schutzanzüge, medizinische Masken und Corona-Testkits zur Verfügung haben. Sie müssen sich auch noch selbst um die Bewältigung der Misere kümmern. Hier hätten alle Bewohner und Mitarbeitende längst getestet werden müssen, da es sich hier um Hoch-Risikogruppen handelt, wie vor allem die Virologen ständig gebetsmühlenartig bestätigen.“

Auf meinen Beitrag hin habe ich zahlreiche Zuschriften erhalten, die in ihrer Feststellung identisch sind: „Ich habe den Text gelesen und mir ist eins klar: ungeheuer schwierig, den von Ihnen geforderten Weg zu gehen, ohne die Menschen in diesen Corona-Zeiten zu gefährden! Ich denke, es wird sich was ändern, es muss sich etwas ändern!“

Ich habe geantwortet:“ Sie haben völlig recht, dass der von mir geforderte Weg schwierig ist. Doch er ist machbar, wenn man will mit entsprechenden Konzepten und mit den erforderlichen Schutzmaßnahmen. Aber die meisten Heimleitungen haben Angst und sperren lieber zu. Ich weiß sogar von Behörden, die ganz offen sagen, an Demenz Erkrankte sollten sediert und in ihren Zimmern eingeschlossen werden, damit sie im Heim nicht rumlaufen!

Es gibt viele Möglichkeiten: Es lassen sich Räume für Besuche organisieren mit Schutzkleidung für Angehörige. In den Speisesälen können die Tische soweit auseinander gezogen und in zwei Schichten gegessen werden, damit die Bewohner nicht im Zimmer auch noch alleine essen müssen.
Und vor allem: es ist doch eine Schande, dass nicht längst alle Mitarbeitenden in der Pflege getestet sind, ebenso Besucher, die in die Heime kommen. Und es immer noch an Schutzkleidung fehlt.“

Und es gibt weitere Lösungsansätze: In Baden-Württemberg und in der Schweiz sind in Eigeninitiative  „Haus-an-Haus-Lösungen“ entstanden und bereits erfolgreich im Einsatz. Es handelt sich hier um kleine Besuchshäuschen, die außen an Türen oder Fenstern von Pflegeheimen angedockt werden und ebenfalls mit virensicherer Glasscheibe und Gegensprechanlage ausgestattet sind. Angehörige sitzen in der einfach zu desinfizierenden Kabine und betreten das Heim nicht, während auf der anderen Seite der Scheibe die besuchten Bewohner sitzen. Eine Stuttgarter Firma bietet sie für unter 5000 Euro an.

Was können Heime sonst noch tun? Ich stimme Andreas Kruse, einem der renommiertesten Gerontologen Deutschlands uneingeschränkt zu,
der in dem Interview mit dem Südkurier vom 29.4.2020 sagt:
„Die Aktivierung der Bewohnerinnen und Bewohner ist von großer Bedeutung – und zwar mit Blick auf die verschiedenen Ebenen der Person: körperlich, geistig, emotional, sozial, spirituelle. Denn nur unter dieser Voraussetzung wird eine zentrale Aufgabe erfüllt: die Selbstbestimmung, die Teilhabe, die Kompetenz, die Lebensqualität der Bewohner zu fördern und zu erhalten. Es kommt hinzu: Bewohner benötigen möglicherweise psychologische und seelsorgerische Begleitung. Ich hatte sehr viel von einer Begleitung, die auf dem Wege von Telefon oder Skype erfolgt. Wir müssen erkennen: für viele Bewohner ist eine Grenzsituation gegeben, in der sie auf fachlichen Beistand angewiesen sind.“

Ich könnte noch viel mehr vorschlagen. Doch den meisten Trägern fehlt es an Mut und Kreativität, gehen lieber den leichten Weg und handeln im vorauseilenden Gehorsam. Und Heime, die vorher schon nicht mit Angehörigen zusammengearbeitet haben, nicht in den Gemeinden vernetzt waren, tun es in einer solchen Krise erst recht nicht. Erst recht möchte ich mir nicht ausmalen, was in den Heimen mit schlechter Pflege jetzt passiert.

Hier braucht es erst recht der sozialen Kontrolle durch Besuche von Angehörigen, Ehrenamlichen und bürgerschaftlich engagierten Personen. Diese Kontrolle ist viel wirksamer und entscheidender als die MDK- und Heimaufsichts-Prüfungen.

Es reicht nicht, wenn die Bundeskanzlerin sagt: „Vergessen wir nicht die 80- und 90-Jährigen, die unser Land aufgebaut haben und jetzt in zeitweiliger Isolation leben müssen.“

Auch hier muss endlich und dringend Geld in die Hand genommen werden. Während Bund und Länder gerade Hunderte Milliarden Euro an Hilfsgeldern großzügig und unbürokratisch an Kurzarbeiter und Freiberufler, an Schulen und Start-ups verteilen – dies ist wichtig und richtig ist-, dürfen die Älteren in Pflegeheimen nicht vergessen werden, sonst bleiben die Worte der Bundeskanzlerin leere Worthülsen.

Ich kann nur hoffen und werde auch weiterhin meine Stimme erheben, dass nach der Krise endlich Vieles auf den Prüfstand kommt.

Besuchsverbote verletzen Menschenrechte

Gerade ältere Menschen in Pflegeheimen treffen die Corona-Maßnahmen besonders hart. Daher brauchen wir Wege, wie Kontakte und Besuche wieder stattfinden können. Besuchsverbote setzen die Menschenrechte völlig aus der Kraft.

Ältere Menschen in Pflegeheimen sind zudem doppelt betroffen. Einerseits durch das Besuchsverbot und zum anderen, weil die Ansteckungsgefahr dort besonders hoch ist, wenn jemand infiziert ist.

In der jetzigen Situation ist für viele dieser Menschen die Einsamkeit ein sehr großes Problem. Sie beeinträchtigt nicht nur die Psyche, sie kann auch Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Vor allem an einer Demenz Erkrankte können die Situation nicht verstehen oder einordnen. Sie verstehen nicht, warum Ehepartner oder Angehörige nicht mehr zu Besuch kommen und suchen sie im ganzen Haus. Ich habe von einem Ehepaar gelesen, wo die Frau dement ist und nur Essen zu sich nimmt, wenn ihr Mann bei ihr ist. In solchen Fällen muss der Kontakt sofort ermöglicht werden. Ein anderes Beispiel: die Tochter kann nicht verstehen, warum sie mit ihrer Mutter, die im Rollstuhl sitzt, nicht spazieren gehen darf, wenn die erforderlichen Schutzmaßnahmen getroffen sind.

Bewohner in Pflegeheimen jetzt viele Monate zu isolieren, ist unmenschlich und unzumutbar.

Dies gilt erst recht für ältere Menschen, die im Sterben liegen, die von ihren Angehörigen nicht begleitet werden und sich nicht verabschieden können.
Geht es nicht um ein menschenwürdiges und begleitetes Sterben, statt um einen einsamen, würdelosen Tod?
Bei allem Verständnis für strenge gesundheitliche Regelungen gilt es, hier Lösungen für Menschlichkeit und Augenmaß zu finden. Sonst fühlen sich die Bewohner in Pflegeheimen noch mehr als früher schutzlos ausgeliefert und die gut gemeinten Schutzmaßnahmen fördern nicht nur den sozialen Tod.

Auch der Vorschlag, Risikogruppen weiterhin in Quarantäne zu halten,
ist abzulehnen. Es kann nicht sein, dass älteren Menschen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben verwehrt wird.

Zu allererst brauchen jetzt Pflegeheime Schutzkleidung für die Mitarbeitenden, damit alle bestmöglich vor Ansteckung geschützt sind. Aber auch, um Besuche mit Schutzkleidung und Mundschutzmasken zu ermöglichen.

So lange hier ein Mangel besteht, brauchen die Pflegeheime so schnell wie möglich technische Geräte wie Tablets, Smartphones oder das „Qwiek.up“. Hierbei handelt es sich um ein Gerät, das als Intervention oder Aktivität genutzt werden kann. Bilder, Musik oder Snoezelen-Module können an die Wand projiziert werden. Mit einem handelsüblichen Stick können Botschaften, Videos und Fotos aufgenommen  und im Pflegeheim abgespielt werden. So können Bewohner Kontakt zu ihren Kindern und Angehörigen aufrecht erhalten.

Die Pflegeheime sollten aber auch organisieren, wie sich die älteren Menschen untereinander treffen können, wenn sie gesund sind. Denn auch diese Gespräche und der Kontakt untereinander sind sehr wichtig.

Wo bleiben eigentlich in diesem Zusammenhang die Konzepte und Vorschläge der Träger, Verbände oder der Kirchen?

Die bekannt gewordenen Infektionsfälle mit vielen Todesfällen in Pflegeheimen – wobei längst nicht fest steht, dass hier immer  das Corona-Virus die Ursache ist – zeigen, dass auch die Altenpflege nur unzureichend auf die Epidemie vorbereitet ist. Dies betrifft die von mir seit fast 30 Jahren beklagte personelle Unterbesetzung der Pflegeheime und  die geforderte Aufstockung um ca. 30 Prozent, den Umgang mit begrenzten Ressourcen wie Schutzausrüstung ebenso wie die Verhältnismäßigkeit von Maßnahmen zur Reduzierung sozialer Kontakte in Pflegeheimen.

Es kann nicht sein, dass wir die älteren Menschen so lange isolieren, bis es einen Impfstoff gibt. Hier müssen schnellstens andere Regelungen gefunden werden, um Kontakte zu ermöglichen, z.B. in dem Besuche mit mehr Abstand stattfinden, in größeren Räumlichkeiten oder in Schutzkleidung.

Alle Einschränkungen für die Besuche von Angehörigen gehören permanent auf den Prüfstand und müssen, so bald wie möglich, durch mildere Maßnahmen wie besondere Hygienevorkehrungen und Tests ersetzt werden. Dies ist ein Gebot der Verhältnismäßigkeit und der Menschlichkeit.

Wie kann jedoch der Ausstieg aus dem Corona-Dilemma gelingen?

Auch hier teile ich das, was Adelheid von Stösser schreibt:

„Der erste Schritt wäre die Erkenntnis, dass ein „weiter so“  nur ins Verderben führen kann. Mit jedem Tag, mit jeder angstverbreitenden Berichterstattung, wird die Negativspirale beschleunigt.

Der zweite Schritt wäre die Erkenntnis der Notwenigkeit eines Richtungswechsels.  Wir müssen über einen komplett anderen Ansatz nachdenken. Nämlich die Frage: Wie können wir die Abwehrkräfte bei gefährdeten Personen, Bewohnern und Personal stärken? Denn der beste Schutz vor Covid-19 und anderen Krankheitserregern, die unvermeidlich in jedem Pflegeheim immer massenhaft unterwegs waren und sein werden, sind gesunde Verhältnisse: Liebe, Licht, Berührung, Zuversicht, Geborgenheit vermitteln, gutes gesundes Essen, Vitamin D und B12,  frische Luft, Bewegung, Ansprache,  positive Stimmung sowie alles das, was die Freude am Leben erhöht.  Nicht einsperren, nicht zu Hause bleiben, sondern raus in die wunderschöne Natur.  Gemeinsam statt einsam!  Raus aus der Isolation.  Aufatmen, durchatmen – und dies in der Vorstellung: Ich bin stark, mir geht es gut und ich lasse mir weder von Covid, noch von sonst etwas,  meine Lebensfreude rauben.“

in: Pflegeprisma – Das Magazin pflegeethik Initiative Deutschland e.V.
vom 9.4.2020. Den gesamten Beitrag finden Sie hier:

Wegducken und Abtauchen

Für Führungskräfte ist es in dieser Corona-Krise trotz aller Abstandsregeln wichtig, Nähe zu zeigen. Führungskräfte können jetzt beweisen, was in den farbigen Unternehmensbroschüren blumig beschrieben wird:
„Der Mitarbeiter im Mittelpunkt“. 

Die Mitarbeitenden sind gerade in dieser Zeit verunsichert, haben Angst um ihre Gesundheit und um ihren Arbeitsplatz. Sie brauchten Unterstützung und eine Perspektive.

Führungskräfte in der Gesundheits- und Pflegebranche haben derzeit viele Aufgaben zur gleichen Zeit. Sie müssen sich um die Patienten, Bewohner, die Angehörigen, das Umfeld kümmern und gleichzeitig die Liquidität sichern. Doch sie müssen vor allem auch auch Flagge zeigen. Insgesamt höre ich jedoch von den Führungskräften großer Pflegekonzerne hier viel zu wenig.

So erfahre ich, dass es Geschäftsführer gibt, die sich in’s Homeoffice verabschieden,  kein einziges Pflegeheim des Unternehmensverbundes besucht haben, ihre dortigen Führungskräfte im Regen stehen und mit der Verantwortung alleine lassen. Wegducken und Abtauchen ist hier das Führungsprinzip. Welch erbärmliche Haltung und Einstellung.

Mitarbeitende, leitende Pflegefachkräfte, auch Heimleitungen, vermissen Solidarität, Halt und die moralische Unterstützung, wenn sie ihre Arbeitgeber nicht zu Gesicht bekommen. „Die grössten Menschen sind jene, die anderen Hoffnung geben“.
(Jean Jaures, Historiker und Politiker)

Auch intern dürfen Führungskräfte jetzt nicht schweigen oder unsensibel kommunizieren. Kommunikation nach innen und nach außen ist das Gebot der Stunde: Offen, regelmäßig und transparent. Mitarbeitende fühlten sich sicher, wenn ihr Chef Sicherheit ausstrahlt. Zuspruch ist äußerst wichtig, denn Mitarbeitende sind durch die Krise ohnehin stark verunsichert.

Das Wort Krise kommt vom Griechischen „krinein“ – entscheiden.
Krisen sind also Situationen, die eine Entscheidung bringen oder erfordern.
Sie können uns aus der Bahn werfen und zwingen, unsere Ziele, Prioritäten, Grenzen und Hoffnungen zu überprüfen. Krisen brauchen also Werte, um Orientierung zu gewinnen und nach Fehlschlägen wieder neu zielgerichtet agieren zu können.

Und haben nicht alle Krisen, die wir in der Vergangenheit erlebt haben und mit der jetzigen erleben, eines gemein? Sie münden alle in eine Krise des Vertrauens, vor allem in die Führenden.

Gerade in Krisenzeiten ist starke Führung gefragt. Selbstbewusst und entschlossen. Wie jedes Führen heißt das: Mit sich selbst und mit anderen gut umzugehen, um vereinbarte Ziele gemeinsam zu erreichen. In der Krise, also unter erschwerten Bedingungen, gilt das um so mehr. Was hilft dabei?
Statt nach Problemen zu fragen, sind Lösungen die Lösung.

Ich sehe die Führungskräfte doppelt gefordert. Sie müssen nicht nur aufzeigen, wie man der aktuellen Herausforderung begegnet – mit intelligenten Einsatzplänen und in der Pflege mit organisatorischen Maßnahmen für die Bewohner, damit diese nicht noch schutzloser werden als sie ohnehin schon waren. Ich denke hier zum Beispiel trotz aller Sicherheitsvorkehrungen an Kontakte und Palliative Begleitung.
Lesen Sie hierzu meinen Beitrag „Besuchsverbote verletzen Menschenrechte“

Führungskräfte müssen eine Strategie entwickeln, wohin das Unternehmen unter den veränderten Vorzeichen mittel- und langfristig steuert. Sie müssen zudem zeigen, wie sie in einer Pflegelandschaft agieren wollen, in der nichts mehr sicher zu sein scheint. 

Der Umgang mit der Krise ist nicht nur für das kurzfristige wirtschaftliche Wohl des Unternehmens entscheidend – er hat auch Einfluss auf das Image in der Öffentlichkeit, bei Mitarbeitern und begehrten Bewerbern nach der Krise. Mitarbeitende werden stolz sein, wenn ihr Unternehmen die Krise  professionell gemeistert hat.  Pflegeunternehmen, die gestärkt aus der Krise herausgehen, werden für Arbeitssuchende besonders attraktiv sein. 

Insofern ist die Krise auch eine Chance. 

Wer vorher vielleicht nicht bekannt war, kann sein Image jetzt durch intelligentes Agieren stärken. Ich bin überzeugt, dass die so genannten gesundheitsrelevanten Berufe und hier vor allem die Pflege nach Überwindung der Krise einen ganz anderen Stellenwert in unserer Gesellschaft erhalten wird.
Lesen Sie hierzu auch meinen Beitrag „Klatschen alleine genügt nicht“.

Umgekehrt kann ein Unternehmen, das bislang einen guten Ruf hatte, durch Missmanagement in der Krise auch schnell an Ansehen verlieren.