Was sich noch ändern muss!

Neben der personellen Unterbesetzung gibt es weitere
zahlreiche Problemfelder, die nicht als Alibi auf die Politik
abgewälzt werden können, weil Verbesserungspotenziale
in der Verantwortung von Verbänden, Trägern, Führenden
und Mitarbeitenden selbst liegen.
Ich will nur einige kurz skizzenhaft aufzählen.
Die Pflegebranche spricht nicht mit einer Stimme. Verbände,
leider auch Wohlfahrtsverbände, haben sich mit den Pflegekassen
und der Politik „arrangiert.“
Die Pflegenden selbst sind überwiegend immer noch nicht
professionell genug, klagen und jammern, statt die Macht
der Pflege zu begreifen, selbstbewusster aufzutreten und
die Erfolge ihrer Arbeit öffentlich zu kommunizieren.
Dazu zählen die wiedergewonnene Autonomie
des Bewohners,  die erhaltene oder neue Lebensfreude,
das „Überflüssig-Machen“ lebenseinschränkender Maßnahmen,
das Aufrechterhalten sozialer Netzwerke des Bewohners,
die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, das Verhindern von Risiken
oder die Absenkung der Pflegestufe in Folge guter fachlicher Arbeit.
Pflege muss endlich neu gedacht werden, damit Heime einen besseren Stellenwert in unserer Gesellschaft erhalten.
Doch viele Träger sind immer noch „träge“ und tragen nicht.
Missstände und Frustration sind in der Regel dort vorzufinden,
wo es keine werteorientierte Führung und Unternehmenskultur gibt.
Träger, Geschäftsführung und Heimleitungen tragen hier
eine große Verantwortung, jeden Tag dafür Sorge zu tragen, dass
die Würde des Menschen in keiner Situation verletzt wird.
Für eine derartige Kultur müssen sie den Raum schaffen.
Doch auch Mitarbeitende tragen ebenso eine solche Verantwortung,
wenn sie Missstände sehen und die Augen verschließen.
Dann machen sie sich mitschuldig. Doch Pflegende müssen Anwälte der älteren Menschen sein.

Reaktionen auf die Antwort des Gesundheitsministeriums

Die Antwort des Bundesgesundheitsministeriums auf meinen Brief hin lösten zahlreiche Reaktionen von Fachleuten und Verbänden aus. Hier eine kleine Auswahl:

„Lieber Herr Stoffer,
ich bin immer wieder höchst beeindruckt, dass Sie nach wie vor am Puls der Zeit sind und Ihre renommierte Stimme zu den wirklich wichtigen Fragen öffentlich einbringen. Und ich freue mich sehr, wenn Sie weiterhin nicht aufgeben, denn die Praktiker*innen – zu denen –ich mich auch noch einige Jahre lang zählen muss – sind so intensiv mit der Mangelverwaltung beschäftigt, dass für dieses wichtige politische Engagement in der Regel keine Luft mehr bleibt. Nachmal: ganz herzlichen Dank – und bleiben Sie bitte dran!  (USNW)


„…schön von Ihnen zu hören. Vielen Dank für Ihre Hinweise und Korrespondenz. Mir scheint es, dass wir analoge Aktivitäten mit analogen Ergebnissen entwickelt haben. Auch unser Versuch Hinweise oder „Einfluss“ auf die geschäftsführende Bundesregierung zu nehmen, lassen sich in dem Produkt der Koalitionäre nicht ablesen.“ (BdV)


„…die Schaffung von 8.000 zusätzlichen Stellen ist einfach nur ein unüberlegter Schnellschuss, der zeigen soll, dass die Politik „was macht“, tatsächlich kommt dieser auch in der Pflege absolut negativ an, da es wieder mal zeigt, dass die Politik nicht weiss, wovon sie redet. Tatsächlich hilft uns diese homöopathische Dosis wohl kaum, wir sind auf das gleiche Ergebnis bei der Verteilung der Stellen wie Sie gekommen. Zudem ist völlig unklar, wie dies jetzt auf Landesebene umgesetzt werden soll – wir haben ja unterschiedlichste Situationen innerhalb von Deutschland.“ (CEGW)


„…Ja leider sind diese ersten Schritte der „Groko“ überhaupt nicht zielführend. Es ist eine Schande, wenn man sieht für was in unserem Land Geld ausgegeben wird! Für die „Alten und Kranken“ ist anscheinend kein Geld da….. Hochachtungsvoll und voller Respekt vor ihrer Leistung.“ (MMCVA)


„…vielen Dank für Ihre (m.E. richtige) Einschätzung der Lage. Übrigens: Es muß Anfang der 70er Jahre gewesen sein, oder etwas früher, da haben die Japaner überlegt, ob und wie sie ihre alten Leute evt. nach Deutschland „exportieren“ könnten; es gab damals Gespräch mit dem KDA. Sie sehen, das hat auch nicht hingehauen – also dürfen wir wohl auch bleiben.“ (HHB)


„…vielen Dank für die Übermittlung ihres Briefwechsels mit Herrn Bundesminister Gröhe. Wir haben auch seitens unseres Verbandes auf die dramatisch defizitäre Personalausstattung der Altenpflege hingewiesen. Immerhin – und das sehen wir als Erfolg unserer Arbeit – wird die langjährige Ausblendung der medizinischen Behandlungspflege in der stationären Altenhilfe nun endlich auch seitens der Politik wahrgenommen und zur Begründung von Personalausweitungen verwendet. Aber auch uns erscheint der erste Schritt zur Lösung des Problems mit nur 8000 zusätzliche Stellen viel zu klein. Dieser erste Schritt hätte, um überhaupt wahrgenommen werden zu können, mindestens doppelt so groß sein müssen. Nicht einmal das haben die GroKoalitonäre geschafft! Dann wären in kurzen Abständen mindestens so große weitere Schritte notwendig, um das von uns berechnete Ziel von  mehr als 50.000 Stellen zu erreichen. Und das ist nicht der einzige Maßstab, nach dem der Pflegepersonalbedarf berechnet werden kann!  Es bleibt also auch in dieser Legislaturperiode noch viel zu tun. Vielen Dank für Ihre Unterstützung!“(HHVK)


 

„…herzlichen Dank für die Info und Ihre Mühe. Natürlich sollten wir von der Politik nicht mehr fordern, als wir selbst machen können/könnten. Da ist doch noch viel Luft. Leider sind die Pflegemitarbeiter eine sehr unterschiedliche eher konfliktscheue Gruppe. So kann man mit ihr halt machen, was man will, zumindest mit denen, die noch da sind. Wie könnten wir diese mehr unterstützen, dass sie selbst offensiver werden? Wenn sie täglich mehr oder weniger „gefährliche Pflege“ machen, dann dürfte ein christliches Bild schon sehr strapaziert sein.“ (RDHFAoG)

8000? – Ein Tropfen auf dem heißen Stein!

Am 5.1.2018 habe ich zu der Problematik
„Pflegenotstand – Der Skandal in der Altenpflege“ auch den Geschäftsführenden Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe angeschrieben mit dem Hinweis, dass sich in den Sondierungs-
verhandlungen nun die großartige Möglichkeit bieten würde,
das Kernproblem der Altenpflege und damit den Pflegenotstand
sofort zu lösen und zwar unbürokratisch, schnell und effektiv.

Die Antwort des Bundesministeriums fiel, wie zu erwarten, enttäuschend aus.
(s. „Aktuelles“ 29. Januar 2018 auf dieser Website)

Die Politik scheint die Dramatik immer noch nicht verstanden zu haben.

Das Vorhaben in den Koalitionsverhandlungen zwischen Union
und SPD, 8000 neue Stellen zu schaffen, klingt gut, ist aber nur
ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Bei 11.390 Pflegeheimen (pflegedatenbank.com) bedeutet dies
0,7 Stellen je Heim. Erforderlich wären jedoch bei einer Durchschnittsgröße von 80 Plätzen mindestens 4 Mitarbeitende je Heim,
also circa 45.000 zusätzliche neue Stellen.
Der Paritätische Wohlfahrtsverband schätzt den Bedarf sogar auf rund
100.000 Pflegekräfte.

Wenn auch in der Pflege weiterhin mit der Politik der „ruhigen Hand“ agiert wird, dürfen wir uns nicht wundern, wenn wir eines Tages zu Pflegende exportieren müssen, weil es in Deutschland keine Pflegenden mehr gibt.

Pflegenotstand – Der Skandal in der Altenpflege

Bereits 1991 habe ich in der Zeitschrift Altenpflege 7/91 in dem Artikel „ Die Situation wird wird bedrängend -Bricht die Pflege zusammen, weil die Personalschlüssel nicht ausreichen? “ den Pflegenotstand beschrieben und eine Lösung vorgeschlagen.

Jetzt – 26 Jahre später! – ist in dem Beitrag in CAREkonkret
„Personalmangel wird hingenommen“  – das Kernproblem und der Skandal
in der Altenpflege von mir noch einmal aufgegriffen worden, nämlich die tägliche personelle Unterbesetzung von circa 20 Prozent.

Nur 1 bis 2 Mitarbeitende je Pflegedienst und -gruppe mehr – es müssen keine Fachkräfte sein, weil die Fachkraft-Quote gesetzlich vorgegeben ist – würde die äußerst belastende und unverantwortliche Situation sofort und spürbar verbessern helfen. Tatsache ist, dass bei einer normalen Besetzung im Frühdienst 3 Mitarbeitende für circa 30-35 Bewohner zur Verfügung stehen.

Wie soll auf diese Weise, wenn Mitarbeitende täglich am Limit arbeiten, gute und individuelle Pflege gewährleistet sein?  Diese völlig inakzeptable Situation dramatisiert sich weiterhin, wenn bei krankheitsbedingten Ausfällen auch über die Zeitarbeit keine Mitarbeitende  mehr geordert werden können.

Und die Überleitung der Pflegestufen in Grade und damit die übergeleiteten Pflegeschlüssel tragen ihr Übriges dazu bei: die Mitarbeiterzahl nimmt durch das Absinken der Pflegegrade noch zusätzlich ab.

Will eine der reichsten Gesellschaften dieser Welt eine derartige unwürdige und unmenschliche Situation weiterhin verantworten? So wichtig ein einheitliches Personal-Bemessungssystem auch ist. Noch dringender ist die sofortige personelle Aufstockung.

Mit meinem Brief an den Geschäftsführenden Gesundheitsminister Herrn Gröhe habe ich auf diese unzumutbare Situation der täglichen personellen Unterbesetzung im Pflegedienst von Heimen hingewiesen
und leider die enttäuschende, aber zu erwartende Antwort erhalten.
Unsere Politiker scheinen die Problematik nicht zu verstehen.
Wenn die Politik auch in der Pflege weiterhin mit der „ruhigen Hand“ agiert, werden wir eines Tages zu Pflegende
exportieren müssen, weil wir in Deutschland keine Pflegenden mehr haben.

 

Gröhe-Brief

Gröhe-Antwort

Der Skandal