Das traurigste Weihnachten – vor allem für Heimbewohner und Mitarbeitende

Die meisten Heimbewohner werden in diesem Jahr zu Weihnachten ihre Familie nicht besuchen können und selbst wahrscheinlich wegen der Kontaktbeschränkungen auch nicht besucht werden.

Die Einsamkeit, die bereits in der jüngsten Vergangenheit erlebte Verarbeitung schwerer Krankheit, das Sich-Einstellen auf den herannahenden Tod ohne kontinuierliche Kontakte mit nahestehenden Personen bedeutet, diese Menschen im Heim in einer Grenzsituation völlig allein zu lassen.

Das ist ethisch und fachlich unerträglich.

Ich kenne Pflegeheime mit katastrophaler personeller Besetzung. Dort geraten dann die Corona-Maßnahmen ins Hintertreffen. Es treten extreme menschliche Härten auf. Zumindest das hätte man nach dem ersten Lockdown korrigieren können. Den unwürdigen und unverhältnismäßigen Kontaktverboten, wie ich sie schon am 20.4.2020 in meinem Beitrag „Gefangen im Pflegeheim?“  beschrieben habe, hätte man auch mit mehr  Kontrolle und Prävention begegnen können.

Stattdessen gelten wieder fantasielose Kontaktverbote und massive Einschränkungen, weil es versäumt wurde, vorausschauende Konzepte zu entwickeln. Warum werden z. B. nicht Formen virtuellen Kontaktes ermöglicht und Angebote bereitgestellt, die ihrerseits zur Integration, Teilhabe und Lebensqualität  für die Heimbewohner beitragen? Allerdings darf der virtuelle Kontakt nur als Ergänzung und nicht als Ersatz für den physischen Kontakt zu verstehen sein.

Während des ersten Lockdowns sahen sich die Heimbewohner plötzlich eingesperrt und vom öffentlichen Leben abgeschnitten. So ist es jetzt auch wieder. In den Heimen, die ich kenne, gibt es keine Beschäftigungstherapie, keine gemeinsamen Mahlzeiten. Heime sollen sogar medizinische Physio- und Ergotherapie unterbinden. 

So berechtigt Maßnahmen zur Eindämmung des aktuellen Infektionsgeschehens auch sind, so verschlechtert sich die Lebenssituation der Betroffenen ganz erheblich. 

Wenn Träger ihre Häuser vor der Außenwelt abschotten, dann sollte zumindest hinter den Mauern noch Leben möglich sein. Es muss erlaubt sein, sich untereinander zu sehen, sich gegenseitig zu besuchen. Denn ohne Kontakt zur Außenwelt besteht ja keine Ansteckungsgefahr.

Lesen Sie hierzu auch die „Pflegeethischen Leitlinien – Grundrechte und ethische Prinzipien sind nicht verhandelbar“ der Pflegeethik Initiative.

Wo waren die Tests, die der Gesundheitsminister Jens Spahn ab Oktober für alle Heime versprochen hatte, für die Besucher, die Bewohner und die Mitarbeitenden? Was völlig außen vor blieb: auch Fremdpersonal ist nicht immun gegen Corona. Heime berichten mir, dass Leihpflegekräfte noch nie getestet wurden, aber jeden Tag woanders arbeiten. Unverantwortlich, denn viele gehen mit Symptomen arbeiten, weil sonst niemand da ist und die Kollegen ohne sie die einzelnen Schichten nicht sicherstellen können.

Unverantwortlich ist aber auch, dass nun auf die Pflegenden weitere belastende Aufgaben wie das regelmässige Testen von Bewohnern, Kolleginnen, Besuchern zukommen. Und gleichzeitig sollen sie auch noch  über die Feiertage die Angehörigen – Tochter, Sohn, Enkelin – ersetzen und damit Rollen übernehmen, die sie kaum ausfüllen können. 

Die Tatsache, dass wir der Pflege in der Vergangenheit nicht die nötige Aufmerksamkeit geschenkt haben, schlägt uns in Zeiten der Pandemie nun mit voller Wucht entgegen. Die Personalausstattung war schon in der Vergangenheit für die tägliche Arbeit unzureichend – ich kann es schon selbst nicht mehr hören, dass ich seit 32 Jahren auf die tägliche personelle Unterbesetzung von circa 30 Prozent  hinweise. 

Die Pandemie zeigt uns noch deutlicher, dass wir ungleich mehr in die Arbeitsbedingungen von Pflegefachpersonal investieren müssen. Es sind alle Ressourcen zur Verfügung zu stellen, die Heime benötigen, auch um regelmäßige und von Besuchern gewünschte Besuche zu ermöglichen.

In Deutschland sind 90 Prozent der Corona-Toten 80 Jahre oder älter. Für entsprechende Maßnahmen scheint dies aber nach wie vor trotz gegenteiliger Versprechungen keine Rolle zu spielen, denn die Politik hätte schon viel früher intervenieren können. Praktische Vorschläge zum Schutz der Älteren lagen sehr früh vor.

Ich hatte gehofft, dass die Zeiten vorbei sind, dass die Älteren nichts gelten, dass Demenz, Vulnerabilität und Gebrechlichkeit peinlich sind, dass sie dorthin gehören, wo man sie nicht sehen kann. Doch jetzt erleben wir noch stärker, dass mangelnde Mitmenschlichkeit grösstenteils in der Gesellschaft fehlt, dass es offensichtlich normal ist, wenn Menschen nur noch vor sich hin- starren, hospitalisiert und apathisch sind. Wiederholt hört man auch, es komme doch nicht darauf an, ob alte Menschen an Corona sterben oder nicht. Ein paar Monate Lebenszeit mehr oder weniger dürfte angesichts des enormen Lockdown-Aufwands doch keine Rolle spielen.

Das ist mehr als zynisch, und ist ethisch und moralisch verwerflich.

Der neue Lockdown wäre vermeidbar gewesen, wenn alle Verantwortung übernommen hätten und die politischen Entscheidungsträger auf uns Pflegefachleute gehört hätten. Jetzt kommt es umso mehr auf kompetente Führungskräfte an, die bei den hochengagierten Mitarbeitenden sind und  nicht wahllos Aushilfskräfte einstellen, sonst nimmt das Unheil weiter seinen Lauf.

Tatsache ist, dass die Politik die Heime nach wie vor im Stich lässt und ihnen weitere Verantwortlichkeiten aufbürdet. Und an Zynismus  ist es nicht zu überbieten, wenn sich Geschäftsführer und Prokuristen eines grossen Heimbetreibers  mit einem „frohen Neujahrsgruß“  an ihre Mitarbeitenden in den Weihnachtsurlaub verabschieden.

Auch die aktuellen Forderungen des Ethikrates sind deutlich: mehr Personal und schnelle Entlastung durch externe Kräfte, ehrenamtliche Helfer. Mehr Gelder aus der Pflegekasse. Mehr Testkapazitäten, mehr Personal dazu!

Es kann und darf in der Pflege so nicht weitergehen !

AdventsZeit

Bruder-Klaus-Kapelle, Wachendorf

Wir zünden gerne für andere eine Kerze an. Damit drücken wir unsere Hoffnung aus, dass Gott das Leben dessen erhellt, für den wir die Kerze angezündet haben. Die Kerze zeigt unsere Solidarität mit all den Menschen, in deren Herzen es dunkel geworden ist. Und wir möchten selbst zum Licht werden für andere, durch eine helle und liebevolle Ausstrahlung. 

                                                    Anselm Grün

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine erfüllte adventliche Zeit.

Wird endlich das Kernproblem der Altenpflege gelöst?

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn ist mit ersten Eckpunkten für eine Pflegereform eine Überraschung gelungen. Damit werden die Voraussetzungen für die wichtigsten Reformschritte geschaffen: die bessere Bezahlung von Pflegekräften und das Personal-Bemessungssystem.

Auslöser ist offensichtlich die Personal-Bemessungsstudie von Prof. Dr. Heinz Rohgang und seinem Team der Universität Bremen, die nachweist, dass 36 Prozent mehr Personal in der vollstationären Pflege erforderlich ist, um die anfallenden Aufgaben sach- und fachgerecht ausführen zu können. 

Dieses Ergebnis hätte man schon viel früher haben können: bereits 1991 – also vor 29 Jahren !! – habe ich offensichtlich als Erster in Deutschland in einer eigenen Unternehmensstudie  die tägliche personelle Unterbesetzung von circa 30 Prozent nachgewiesen. Und seit dieser Zeit ist so gut wie nichts geschehen. 

Jetzt wird die Politik endlich gezwungen, das Kernproblem der Altenpflege zu lösen.

 

Ältere Menschen und Digitalisierung – Es muss dringend mehr geschehen

Am 12. August 2020 wurde der Achte Bericht zur Lage der älteren Generation in der Bundesrepublik Deutschland zum Thema „Ältere Menschen und Digitalisierung“ – einem der grundlegenden Veränderungsprozesse unserer Zeit. veröffentlicht.

Gerade in der Zeit der Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen haben viele ältere Menschen erkannt, welche Möglichkeiten digitale Kommunikations- und Informationstechnologien ihnen bieten und haben diese stärker als bisher für sich genutzt, so zum Beispiel Video-Telefonate mit der Familie, digitale Nachbarschaftsplattformen, um gegenseitige Hilfe und Unterstützung zu organisieren oder Gespräche mit dem Arzt, die nun häufiger als Video-Sprechstunden stattfinden.

Die Voraussetzungen für digitale Teilhabe älterer Menschen ist allerdings noch nicht überall gegeben. Es fehlt es am nötigen Wissen, an Unterstützung oder an finanziellen Möglichkeiten, um sich digitale Geräte anzuschaffen. 

Erhebliche Unterschiede bestehen auch aufseiten der Pflegeanbieter, konstatiert der Report: Sie reichen von visionären Prototypen für den Einsatz von Robotik und Künstlicher Intelligenz bis hin zu zahlreichen Pflegeheimen, die noch immer ohne Internetzugang und WLAN für die Bewohner*innen sind.

Die Auswirkungen der Digitalisierung auf das Leben im Alter zeigen sich, – so die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend –
Franziska Giffey in ihrem Vorwort, beim Wohnen, in der Pflege, bei der Mobilität, in der gesundheitlichen Versorgung und in der Organisation von Sozialräumen. Die Sachverständigen-Kommission hat für diese Lebensbereiche untersucht, welche digitalen Technologien hier von Bedeutung sind, welche Entwicklungen sich abzeichnen und wie sie sich auf das Leben im Alter auswirken.

Experten kritisieren, dass digitale Teilhabe oft bereits an der Infrastruktur scheitere. Der Altersbericht liefert folgerichtig eine zwölf Punkte umfassende Liste erforderlicher Maßnahmen zum Ausbau digitaler Angebote für die ältere Generation. Eine Auswahl:

  • Damit alle auf dem Weg in die Digitalisierung mitgenommen werden, bedarf es bundesweit schnelles und mobiles Internet – auch auf dem Land. Außerdem empfehlen die Experten die kostenfreie Bereitstellung von Internetzugängen im öffentlichen Raum (allen voran in Rathäusern, Bahnhöfen, Quartieren und Verkehrsmitteln).
  • Förderung der Teilhabe an digitalen Technologien für ältere Menschen mit geringem Einkommen und Grundsicherung.
  • Digitale Souveränität setzt Wissen und Verstehen voraus – beides kann laut Altersbericht durch die Schaffung von Lern- und Experimentierräumen gefördert werden. Ältere hätten somit die Chance, digitale Technologien auszuprobieren und sich mit ihren Potenzialen und Risiken auseinanderzusetzen.
  • Stärkung der digitalen Daseinsvorsorge vor Ort durch Landkreise und Kommunen, etwa mittels Vernetzung von Quartieren mitsamt zugehöriger Sorgestrukturen.
  • Verankerung der Beschäftigung mit digitalen Bedarfen älterer Menschen in der Ausbildung relevanter Berufsgruppen, etwa im sozialen Bereich, in Handwerk, Verwaltung und Architektur.
  • In Forschung und Entwicklung sollten frühzeitig die Erkenntnisse der Gerontologie, der Geriatrie und der altersbezogenen Sozial- und Pflegewissenschaften integriert werden, um den digitalen Nutzungsgewohnheiten Älterer gerecht werden zu können.

„Der Bericht ist gut, aber jetzt muss auch etwas passieren“, zitiert die Ärzte- Zeitung den Vorsitzenden der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO) und frühere SPD-Chef, Franz Müntefering. Die BAGSO fordert analog zum „DigitalPakt Schule“ einen „Digitalpakt Alter“, um den digitalen Kompetenzerwerb in der nachberuflichen Lebensphase zu erleichtern.

Die aufschlussreichen Ergebnisse können Sie hier in einer Kurzfassung nachlesen.

Klartext

Ellen Wappenschmidt-Krommus, eine langjährige Pflegeexpertin in unterschiedlichen Aufgabenfeldern und Funktionen, hat in einem Schreiben an den Pflegebeauftragten der Bundesregierung Andreas Westerfellhaus Klartext gesprochen und die wirklichen Probleme der Pflege leidenschaftlich, fachlich kompetent auf den Punkt gebracht.

Demnach liegt das Kernproblem der Altenpflege in der täglichen personellen Unterbesetzung von mindestens 30 Prozent. Dies ist der eigentliche Skandal. Denn diese Tatsache, die ich bereits 1990 nachgewiesen habe und somit seit 30 Jahren bekannt ist, –  lesen Sie hierzu auch meinen Beitrag “ Pflegenotstand: Warum ändert sich nichts? Und was muss sich ändern?“ – ohne dass Politik und Selbstverwaltung hierauf reagiert hätten.

Wir haben schon lange kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem. Das ewige Gelaber der Politik, die leeren Versprechungen, die unzähligen Kongresse, immer weitere Experten-Standards, wenig hilfreiche Papiere wie „Mehr PflegeKRAFT 2.0 sind Nebelkerzen und lenken nur von dem wirklichen Problem ab.

In jeder Schicht eine tägliche personelle Unterbesetzung von mindestens 30 Prozent führen zu Arbeitsverdichtungen, Fließbandarbeit, Krankheit, Burn out, Unzufriedenheit, Frustation und damit auch zu Fehlern, Mängeln in der Pflege, zu Missständen und menschenunwürdigem Verhalten. Lesen Sie hierzu auch das Statement „Wie verhindern wir Gewalttaten in der Pflege – 7 Vorschläge“.

Hier liegt also der dringende Handlungsbedarf und nicht in erster Linie in der Auszahlung von Boni und mehr Gehalt. Der Pflegebereich ist angewiesen auf mehr Mitarbeitende mit hoher menschlicher und fachlicher Kompetenz.

Ausgeklatscht

Cartoon von Thomas Plaßmann 

Es sind berührende Momente, so schrieb ich am 29. März 2020 in meinem Artikel „Klatschen allein reicht nicht“, wenn jeden Abend um 21:00 Uhr unzählige Menschen in vielen Städten wie auch in Köln mit ihrem Beifall-Klatschen den Ärzten und Pflegekräften ihren Dank, ihre Anerkennung und Wertschätzung für den Dienst in der Corona-Krise zum Ausdruck bringen. 

So schön und wertvoll diese Geste auch ist, so schrieb ich weiter in meinem Artikel,  sie reicht nicht. Ich hoffte und wünschte mir, dass alle die, die applaudierten, ebenfalls um 21:00 Uhr zu einem gellenden Pfeif-Konzert ansetzten, wenn die Politiker nach Überwindung der Krise nicht endlich und nachhaltig für eine Verbesserung der personellen und finanziellen Rahmenbedingungen in der Gesundheits- und Pflegebranche sorgten.

Zu Beginn der Corona-Krise waren sich also alle einig, dass Pflegekräfte besondere Wertschätzung verdienen. Was ist aus den Versprechen geworden?

„Heldinnen und Helden des Alltags“ nannte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) die Angestellten in der Pflege im Mai. Diese Menschen hätten „nicht nur warme Worte, sondern langfristig auch bessere Löhne verdient“. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) wollte sich persönlich dafür einsetzen, dass Pfleger und Schwestern, die in der Krise besonders gefordert seien, Zusatzleistungen erhalten. Um all jenen, so meinte Spahn damals, „die jetzt in dieser Zeit besonders mit anpacken, in den Kliniken, in den Praxen, in der Gesundheitspflege“, am Ende sagen zu können: „Das wollen wir auch finanziell noch mal besonders vergüten.“ Worte, die wohl Mut machen sollten. Für harte Arbeit auf den Intensivstationen über die Normalarbeitszeit hinaus. Für unzählige Überstunden. Für die Gefahr, sich mit Covid-19 anzustecken. Für oft übermenschliche Anstrengungen, die nötig sind, um möglichst viele Leben zu retten.

Jetzt, knapp drei Monate später ist der Applaus an den Fenstern verstummt. Die von Spahn versprochene Corona-Prämie wurde auf den Weg gebracht. Doch die Prämie geht nur an Mitarbeitende in der Altenpflege. Pflegekräfte in den Krankenhäusern erhalten: nichts. Lediglich  Bayern zahlt den Krankenpflegekräften einen Bonus von 500 Euro und Schleswig-Holstein bis zu 1500 Euro.

Dabei wäre eine bundeseinheitliche Corona-Prämie für alle Pflegekräfte durchaus finanzierbar gewesen. Etwa 1,7 Millionen Beschäftigte gibt es in der Alten- und Krankenpflege. Eine Einmalzahlung von 1.500 Euro für alle Mitarbeitende hätte den Bund ca.  2,6 Milliarden Euro gekostet. Zum Vergleich: Für das Rettungspaket der Lufthansa will die Bundesregierung 9 Milliarden Euro bereitstellen. Das gerade verabschiedete Konjunkturpaket, das etwa die Senkung der Mehrwertsteuer oder Kaufprämien für E-Autos vorsieht, ist 130 Milliarden Euro schwer – das Wort „Pflege“ kommt darin kein einziges Mal vor. Nichts mehr ist zu hören von den versprochenen Strukturreformen einschliesslich der Verbesserung der Personalschlüssel.

Ein Trauerspiel und ein fatales Signal an die Pflegekräfte und in die Gesellschaft hinein: wie immer in den letzten Jahrzehnten, obwohl Pflege und Gesundheitswirtschaft eine der wichtigsten Branchen der Volkswirtschaft sind.

Eine grossartige Frau wird 90

 

 

Eine großartige Frau wird 90 Jahre. Ihr Zitat: „Es kommt nicht darauf an, wie alt man wird, sondern wie man alt wird“, lebt Ursula Lehr bis heute und ist damit auch für mich bei eigenem Älterwerden Vorbild. Mit ihrer positiven Einstellung zum Altern verkörpert sie die neue Generation der Senioren, die heute in fast allen Lebensbereichen aktiver und mobiler ist als früher.

Meine Verbindung zu Ursula Lehr geht auf das Jahr 1989 zurück, in dem wir in Bonn das CBT-Wohnhaus Emmaus in Betrieb nahmen und Ursula Lehr als Bundesfamilienministerin das neuartige Konzept „Wohnen und Pflegen als Einheit“ als zukunftsorientiert bezeichnete: „Erstmals in Deutschland muss kein älterer Mensch mehr bei einem Wechsel der Pflegebedürftigkeit umziehen.“

Gemeinsam mit Ursula Lehr bin ich im Kuratorium Deutsche Altershilfe.
Frau Prof.  Dr. Lehr wurde 1974 als Kuratorin berufen und ist damit auch eine der wichtigen Zeitzeuginnen aus den Anfängen des KDA.

Mit einem Beitrag auf der Webseite „Besondere Zeiten erfordern besondere Glückwünsche“ gratuliert das KDA Frau Prof. Lehr zum 90. Geburtstag mit Botschaften:

 

Sind Heimbewohner doch Insassen? 

Es ist nicht zu fassen: es gibt immer noch Heime, die ihre Bewohner eingeschlossen und bis heute noch keine individuellen Besuchskonzepte erarbeitet haben. So berichten die Medien vom Schicksal eines 84-jährigen Mannes, der seit Wochen seine an Demenz erkrankte Frau nicht besuchen konnte. Mit Tränen in den Augen gibt er auf einer Demonstration ein Interview. Dort wird er von Demonstranten niedergebrüllt. Sein Schicksal bewegt viele. 

Es wird von absurden Hygienekonzepten mit derart verrückten Auflagen berichtet, dass mancher Bewohner seine Angehörigen gar nicht erkennt auf die Distanz mit Mundschutz und noch einer Glasscheibe dazwischen. 

Dies alles macht mich traurig und wütend. In meinem Beitrag “ Gefangen im Pflegeheim?“ habe ich hierzu deutlich Stellung bezogen.

Vor Corona wurde verschiedentlich – immer noch – statt von Heimbewohnern von Insassen gesprochen. Seit Corona sind aus vielen Heimen offensichtlich Gefängnisse geworden.

Die Pflegeethik Initiative beschreibt in ihrem Pflege Prisma vom 19. Mai 2020 viele Einzelbeispiele und stellt fest:

„Im Grunde beruhen alle Schutzmaßnahmen auf einem Hygieneverständnis, das den Infektionsschutz vor Covid-19 über alles stellt; ungeachtet der Schäden und Toten die dadurch an andere Stelle entstehen.   Die ursprüngliche Bedeutung von Hygiene (grichisch. Hygieia = Gesundheit) umfasst hingegen alles, was der Gesundheit dient.  Sowohl der WHO als dem RKI  muss vorgeworfen werden, bei ihren Empfehlungen zur Eindämmung von Seuchen,  mögliche Kollateralschäden nicht im Blick zu haben.  Da sich alle Nationen an den Empfehlungen dieser Institutionen  orientiert haben,  trifft sie auch die Hauptkritik an dem desaströsen Ergebnis.  Man kann nur hoffen, dass daraus die richtigen Lehren gezogen werden, damit sich so etwas nicht wiederholt.  Zum Vergleich sei hier an die Situation 2009 mit der Schweinegrippe erinnert, aus der leider nichts gelernt wurde.

Aber auch die Ärzte in den Kliniken und Gesundheitsämtern sollten ihr ärztliches Ethos überprüfen und sich den hippokratischen Grundsatz:  „Primum nihil nocere – zuerst nicht schaden“, vergegenwärtigen.

Die Besuchsverbote in den Heimen wie in den Krankenhäusern  gefährden nicht nur die Gesundheit und das Leben der Kranken, sie sind unmenschlich. Vorordnete Grausamkeit. So etwas dürfte es in einer zivilisierten Gesellschaft gar nicht geben.“

Diese Traueranzeige sagt alles aus.

Man könnte, man sollte, man müsste…!

Wenn ich das neue Positionspapier des Pflegebeauftragten Westerfellhaus – ausgerechnet am Internationalen Tag der Pflege – lese, bekomme ich – wie man im Ruhrgebiet sagt – einen ganz dicken Hals.

Das ewige Gelaber und die seit Jahren unendlichen Diskussionen über notwendige Verbesserungen in der Pflege kann doch langsam niemand mehr hören und ernst nehmen.

Die Pflege braucht kein weiteres Papier „Mehr PflegeKRAFT 2.0″,
sondern Politiker, die ihren schwammigen Worthülsen endlich Taten folgen lassen.
Bereits vor 30 Jahren habe ich die Probleme beschrieben und mit zahlreichen Wissenschaftlern und Pflegeexperten entsprechende Lösungen eingefordert. Doch es ist so gut wie nichts geschehen. 

Lesen Sie hierzu auch meine Beiträge „Klatschen allein reicht nicht“ sowie „Pflegenotstand: Warum ändert sich nichts? Und was muss sich ändern? 

Wenn Herr Westerfellhaus es wirklich ernst meint, soll er mit Belehrungen an Arbeitgeber und „klugen“ Sprüchen aufhören und endlich politische Entscheidungen herbeiführen.

Dann setzen Politik und Pflegebevollmächtigte die notwendigen Rahmenbedingungen schnellstmöglich  in Kraft und Betreiber schaffen attraktive Arbeitsplätze und gute Wohn- und Pflegequalität!