Interview zur aktuellen Lage der Pflege in der alternden Gesellschaft

Das KDA – Kuratorium Deutsche Altershilfe e.V. – verfolgt das Ziel, eine humanere Gesellschaft des langen und selbstbestimmten Lebens aktiv mit zu gestalten und stärkt durch seine Arbeit das wertschätzende Zusammenleben jeden Alters. Als Ideengeber und Vorreiter für innovative Lösungsansätze leistet das KDA wertvolle Dienste für das Gemeinwesen.

Das KDA steht unter der Schirmherrschaft des jeweils amtierenden Bundespräsidenten, der auch die Vereinsmitglieder – Kuratorinnen und Kuratoren – beruft. 

Seit 2004 bin ich Kurator und habe von 2013 bis 2019 im Aufsichtsrat mitgewirkt. 

Aktuell hat der Kuratoriumsbeauftragte des KDA ein Interview mit mir geführt und mich zur Lage der Pflege in unserer alternden Gesellschaft befragt.

Ich würde mich freuen, wenn dieses Interview  Ihr Interesse findet. 

Nichts dazu gelernt? – Teil 2

Nach wie vor ist Pflege in der Politik nur ein Randthema, obwohl vor dem Hintergrund der alternden Bevölkerung neben der Klimakrise das wichtigste gesellschaftspolitische Thema überhaupt.

Doch wir haben in Deutschland kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem.

Niemand soll sagen, man hätte es nicht gewusst. 

Bereits 1991 wurde von mir in der Zeitschrift Altenpflege 7/91 in dem Artikel „Die Situation wird bedrängend –  Bricht die Pflege zusammen, weil die Personalschlüssel nicht ausreichen“
der Pflegenotstand beschrieben und eine Lösung vorgeschlagen. 

Diesen Beitrag finden Sie hier.

Und 2003 habe ich in einem Vortrag mit dem Thema
 „Das Älterwerden hat seinen Preis –  was sind uns die Alten wert?“ 
die demographischen Fakten und die Pflegesituation beschrieben und gesagt:
“Deutschland schreitet unvorbereitet in Richtung Altenrepublik, rast sehenden Auges in eine Pflegekatastrophe und kaum einer tut etwas.“

Lesen Sie bitte meinen Vortrag “Was sind uns die Alten wert?” und beurteilen Sie selbst, ob nicht schon damals alle Fakten auf dem Tisch lagen und dass sich seitdem dennoch so gut wie nichts geändert hat.

Nichts dazu gelernt? – Teil 1

Es gibt wieder Corona-Ausbrüche in Pflegeheimen. Es sterben wieder Menschen an Covid-19, hochbetagte und pflegebedürftige Menschen, denen durch Politik und Träger ein besonderer Schutz versprochen wurde. Laut dem Robert-Koch-Institut sind es deutschlandweit inzwischen 93 Tote.
Tendenz steigend.

Wiederholt sich die dunkelste Phase der Pandemie in Deutschland? Müssen wir uns wieder auf zahlreiche Corona-Tote in Pflegeheimen und das „Einschliessen“ der Bewohner einstellen, obwohl Impfstoffe und Tests zur Verfügung stehen und das Nachlassen der Immunität bei älteren Menschen bekannt ist?

Die Toten in den Pflegeheimen zeigen, dass die Pandemie eben nicht zu einem Problem der Unge- impfen geworden ist. Sie ist weiterhin ein Problem, das die ganze Gesellschaft betrifft. Wenn die Zahl der Toten in den Pflegeheimen weiter steigt, dann wurden immer noch nicht die richtigen Lehren aus der Pandemie gezogen.

Dann haben die Verantwortlichen in Deutschland versagt. Denn wir haben alle Mittel, um gefährdete Menschen in den Pflegeheimen zu schützen. Es muss so schnell wie möglich eine Auffrisch-Impfung erfolgen. Träger und Mitarbeitende müssen wissen, dass eine 2 G-Regel für Besucher und Pflegende nicht ausreicht. Der Impfschutz ist nicht steril, Geimpfte können das Virus weitergeben, auch wenn sie selbst nicht erkranken.

Jeder, der mit besonders gefährdeten Menschen zu tun hat, sollte also getestet sein. Und wer in einem Pflegeheim arbeitet, egal ob geimpft oder nicht, muss die Verantwortung übernehmen und die ihm anvertrauten Menschen schützen. Hier gilt: Testen, Mundschutz und Hygiene und dies alles ganz konsequent. Auch die Diskussion um die Impf-Pflicht im Gesundheitsbereich darf hierbei kein Tabuthema sein.

Ich plädiere dafür, dass Pflegende sich impfen lassen sollen, auch für ihre eigene Sicherheit, die ihre Kolleginnen und Kollegen, die ihrer Familien und für die ihnen anvertrauten Menschen und deren Angehörigen. Jeder nicht geimpften Pflegekraft empfehle ich den Bericht im Spiegel 8/2021
” Ein Riesenfehler” der Altenpflegerin Barbara Meier, die im Klinikum Nürnberg auf der Intensivstation lag und sagt: „Sie habe die Warnungen vor Corona für übertrieben gehalten und eine Impfung abgelehnt. Nun bereue sie es“.

Auf Grund der obigen Argumente und der sich weiter verschärfenden aktuellen Situation will ich es noch klarer formulieren und zitiere den Philosophen Isaiah Berlin der einmal gesagt hat:
„Freiheit der Wölfe ist der Tod der Lämmer“. 

Dieser Satz leuchtet jedem sofort ein: die eigene Freiheit endet dort, wo sie dem anderen schadet. Und in Deutschland laufen derzeit viele Wölfe durch Städte und Dörfer und auch Pflegeheime. 

Es ist unverantwortlich und ein Skandal, dass in Pflegeheimen Menschen sterben, weil sich ein Teil der Mitarbeitenden der Injektion verweigert. Man könnte fast von fahrlässiger Tötung sprechen. Wer so seinen Beruf ausübt, hat jeden Verantwortungssinn verloren. Daher wird immer häufiger eine Impfpflicht bestimmter Berufsgruppen gefordert. Pflegende gehören mit Sicherheit dazu. Wenn nicht sie, wer dann?

Aber müssen wir nicht noch einen Schritt weitergehen? Wenn die Wissenschaftler uns sagen, dass die Pandemie dann vorbei ist, wenn 90 bis 100 Prozent der Bevölkerung geimpft ist, bedeutet das dann nicht, dass wir in Deutschland eine Impfpflicht dringend brauchen?

Pflegereform oder Etikettenschwindel?

Die Bundesregierung hat jetzt eine Pflegereform vorgestellt. Seit Jahren hat sie immer wieder versucht, die Lage in den Kliniken und vor allem auch in den Pflegeheimen zu verbessern. Was sind die größten Baustellen?

Personal

Das wohl größte Problem der Pflege bleibt weiterhin der Fachkräftemangel. 2018 versprach Minister Spahn 13.000 neue Stellen in der Altenpflege zu finanzieren. Doch schnell wurde klar, das Geld allein kaum hilft. Nach Angaben des Spitzenverband der Krankenkassen GKV sind seitdem lediglich knapp 3000 dieser Stelle tatsächlich besetzt. 

Neben dem Fachkräftemangel ist meines Erachtens das noch viel größere Problem die tägliche personelle Unterbesetzung. Bereits 1991 – also vor 30 Jahren !! – habe ich offensichtlich als Erster in Deutschland in einer eigenen Unternehmensstudie  die tägliche personelle Unterbesetzung von circa 30 Prozent nachgewiesen. Und seit dieser Zeit ist so gut wie nichts geschehen. 

Jetzt wird die Politik endlich gezwungen, das Kernproblem der Altenpflege zu lösen.

Auslöser ist offensichtlich die Personal-Bemessungsstudie von Prof. Dr. Heinz Rohgang und seinem Team der Universität Bremen, die die Ergebnisse meiner Untersuchung bestätigt und nachweist, dass sogar 36 Prozent mehr Personal in der vollstationären Pflege erforderlich ist, um die anfallenden Aufgaben sach- und fachgerecht ausführen zu können.

Ein weiteres Ziel des Gesundheitsministeriums ist es, Pflegekräfte aus dem Ausland zu gewinnen. Die Erfolge sind bescheiden. So wurden 2019 circa 15.500 ausländischer Abschlüsse in der Gesundheits und Krankenpflege anerkannt. Wichtige Herkunftsländer dieser Pfleger waren dabei die Philippinen, Bosnien-Herzegowina und Albanien.

Vergütung 

Entgegen der immer wieder in der Öffentlichkeit diskutierten schlechten Bezahlung der Pflegekräfte sind dem Statistischen Bundesamt zufolge die Bruttolöhne der Pflegekräfte sowohl in Kliniken wie auch in Pflegeheimen seit 2010 um ein Drittel gestiegen. In den Pflegeheimen beträgt die Zunahme sogar 38,9 Prozent. Damit fällt die Steigerung deutlich stärker aus als in der Gesamtwirtschaft des produzierenden Gewerbes und der Dienstleistungen. So verdienten im vergangenen Jahr Pfleger in Kliniken im Durchschnitt 3578 € brutto im Monat, in Pflegeheimen 3363 € und in Altenheimen 3291 €.

Die Abweichungen sind vor allem auf die Tarif Löhne zurückzuführen, die meist in der Krankenpflege gezahlt werden. In der Altenpflege ist dies nach Angaben des Bundesarbeitsministeriums nur bei der Hälfte der Fachkräfte der Fall. nur 59 Prozent der Pflegenden werden nach Tarif bezahlt 

Diese Diskrepanz war unter anderem auch Anlass für die am Mittwoch vom Kabinett auf den Weg gebrachte Pflegereform. Ein verbindlicher Tarifvertrag für die gesamte Branche ist bisher gescheitert.  Nun sollen ab dem 1. September 2022 Versorgungsverträge nur noch mit Pflegeeinrichtungen abgeschlossen werden dürfen, die nach Tarifverträgen oder mindestens in entsprechender Höhe bezahlen.

Arbeitsbedingungen

Die meisten Pflegekräfte arbeiten im Schicht und Wochenenddienst und erlebten bereits lange vor der Pandemie einen physisch sowie emotional belastenden Arbeitsalltag. Diese belastende Situation lässt sich weniger mit einem höheren Gehalt abfedern, sondern vor allem durch mehr Kolleginnen und Kollegen pro Schicht und damit weniger Belastung und Stress.

In jeder Schicht eine tägliche personelle Unterbesetzung von mindestens 30 Prozent und gleichzeitig zu lange Dienstzeiten mit 11 Arbeitstagen am Stück führen zu Arbeitsverdichtungen, Fließbandarbeit, Krankheit, Burnout, Unzufriedenheit, Frustration und damit auch zu Fehlern, Mängeln in der Pflege, und zu Missständen.

Hier liegt also der dringende Handlungsbedarf und nicht in erster Linie in der Auszahlung von Boni und mehr Gehalt. Lesen Sie hierzu auch meinen Beitrag Pflege neu denken! Was sich ändern muss!

Vor dem Hintergrund der personellen Unterbesetzung hat das Gesundheitsministerium 2019 in den Kliniken die so genannten Pflegepersonal-Untergrenzen eingeführt, die festlegen, wie viele Patienten eine Krankenhauspflegekraft maximal betreuen darf. Gesundheitsexperten und Krankenkassen kritisieren diese Untergrenzen als deutlich zu niedrig. Diese definierten nicht „gute Pflege“ sondern seien ein absolutes Mindestniveau, um Patientengefährdung zu verhindern, heißt es aus dem GKV Spitzenverband.

In der Altenpflege dagegen wird ein Verfahren erprobt, das auf Basis der Bewohnerstruktur den Personalbedarf ermittelt. So werden keine pauschalen Mindestvorgaben gemacht, sondern pro Heim der genaue Pflegebedarf und das dafür notwendige Personal berechnet. Dieses Instrument schafft somit die Grundlage für Neueinstellungen, wenn der Markt diese dann auch hergibt.

Ausbildung

Die Ministerien Gesundheit, Familie und Arbeit verkündeten Anfang 2019, die Zahl der Pflege-Azubis und ausbildenden Einrichtungen bis 2023 im Bundesdurchschnitt um 10 Prozent steigern zu wollen. Im Jahr 2019  begannen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 71.300 Menschen eine Ausbildung in einem Pflegeberuf, immerhin 8 Prozent mehr als im Vorjahr und 39 Prozent mehr als noch vor zehn Jahre. Allerdings schlossen in dem Jahr lediglich 62 Prozent die Ausbildung auch tatsächlich ab.

Kontraproduktiv ist allerdings, dass lediglich 62 Prozent der Pflegeheime und nur 35,3 Prozent der ambulanten Pflege- und Betreuungsdienste Ausbildungen anbieten.

Eckpunkte der Pflegereform

Um die finanzielle Belastung der Bewohnerinnen und Bewohner in Grenzen zu halten, soll deren Anteil an den Pflegekosten im ersten Jahr des Heimaufenthaltes um 5 Prozent sinken. Im zweiten Jahr übernimmt die Pflegekasse 25 Prozent, im dritten Jahr 45 Prozent und danach 70 Prozent des Eigenanteils.

Die Kosten für Unterkunft und Verpflegung sind von dieser Regelung ausgenommen.

In der ambulanten Pflege sollen die Leistungsbeträge der Pflegeversicherung um 5 Prozent steigen. 

Weitere Regelungen betreffen die Arbeit der Pflegekräfte. Sie sollen mehr Entscheidungsbefugnisse bei der Auswahl der richtigen Hilfsmittel und in der häuslichen Versorgung von Pflegebedürftigen erhalten. 

Für Pflegeheime soll künftig ein einheitlicher Personalschlüssel gelten, um die Einstellung zusätzlicher Pflegekräfte zu ermöglichen. 

Zur Finanzierung sind ein Bundeszuschuss von 1 Milliarde €  jährlich für die Pflegekassen sowie eine Anhebung des Pflegebeitrages für Kinderlose um 0,1 Prozentpunkte vorgesehen. Dies soll etwa 400 Millionen € ausmachen. 

Sozialverbände und Opposition kritisieren die Neuregelung als unzureichend. Auch gibt es Zweifel an der Finanzierung und daran, ob die Entlastungen überhaupt bei den Pflegebedürftigen ankommen.

Private Anbieter von Pflegeeinrichtungen sprechen ihrerseits von einer Existenzgefährdung ihrer Unternehmen durch die Pflicht zur Zahlung von Tariflöhnen und kündigten dagegen juristische Schritte an.

Hart ins Gericht mit dieser Pflegereform geht Prof. Dr. Stefan Sell in seinem Beitrag „Kurz vor dem „Nichts geht mehr“: Die „Pflegereform“ auf der Zielgeraden. Anmerkungen zu einem Etikettenschwindel mit Luftbuchungen inmitten von Flickschusterei”.

 

Gruss zum Tag der Pflege

Bereits zum zweiten Mal steht der Internationale Tag der Pflegenden im Zeichen der Corona-Pandemie. Die Dauerkrise hat eines deutlich hervorgebracht: selbst in Zeiten überdurchschnittlicher Belastung ist es überwiegend gelungen, mit guter Führung und mit engagierten Mitarbeitenden  die qualitative pflegerische Versorgung sicherzustellen. Neben der verdienten Wertschätzung ist es jetzt an der Zeit für eine klare Analyse und dringende Reform der Pflege.

Die Pandemie wirkt auch hier wie ein Brennglas, das die Probleme deutlich zum Vorschein bringt. Die eigentliche Herausforderung liegt im Umgang mit der demografischen Entwicklung, in der immer mehr Pflegebedürftige immer weniger Erwerbstätigen gegenüberstehen. Nur mehr Geld für mehr Leistungen und bessere Bezahlung wird nicht verhindern können, dass es zu immer größeren Versorgungslücken und immer mehr Arbeitsverdichtung in der professionellen Pflege kommen wird.

Bisher lässt die Diskussion um eine Reform der Pflegeversicherung eine klare Analyse vermissen, was zukünftig mit den vorhandenen Ressourcen leistbar sein wird. Bleibt sie aus, wird das System der Pflegeversicherung weiter erodieren und Vertrauen verspielt. Nur Geld, gute Worte und das redliche Bemühen aller werden nicht ausreichen, um in Zukunft zu bestehen.

Die Evangelische Heimstiftung Stuttgart hat heute am 12. Mai mit einem „Gruss zum Tag der Pflege“ eine Videobotschaft  an die Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem Ziel geschickt, die Pflegereform noch in dieser Legislaturperiode auf den Weg zu bringen. 

Lesen Sie auch zu dieser Thematik meinen Beitrag:
Pflege neu denken! Was sich ändern muß!

Strukturreform Pflege

Das Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) – dessen Kurator ich
seit 2004 bin –  hat im Rahmen seiner Diskursreihe „radikal (neu) denken“ einen Text zum pflegepolitischen Reformdiskurs: „Strukturreform PFLEGE und TEILHABE II – Pflegepolitik als Gesellschaftspolitik“ veröffentlicht.

Das Strategiepapier von Prof. Dr. habil. Thomas Klie, Staatssekretär Michael Ranft und Diplom-Volkswirtin Nadine-Michèle Szepan stellt die Bedingungen guten Lebens für auf Pflege angewiesene Menschen in den Mittelpunkt und betont die Bedeutung der Kommune.

Das KDA leistet mit dieser Publikation aus dem Kreis seiner Kuratorinnen und Kuratoren einen erneuten Beitrag zur Pflegereformdebatte. 

Das Strategiepapier finden Sie hier:

Kurzfassung:

Langfassung

Ostern 2021

„Wer Ostern kennt, kann nicht verzweifeln“

Hoffnungsfest Ostern – Das hat der Theologe Dietrich Bonhoeffer in dunklen Zeiten gesagt. Warum? Weil Ostern Hoffnung macht! Für Christen bedeutet Ostern die Gewissheit, dass der Tod und das Bedrückende nicht das letzte Wort haben.

Gerade jetzt in dieser Pandemie ist diese Botschaft wichtiger denn je!

So wünsche ich Ihnen, den Lesern und Besuchern meiner Homepage, in dieser schweren Zeit
hoffnungsvolle, gesegnete Ostern.

Mut-Ausbruch

Die enorme gesellschaftliche Bedeutung der Pflege ist der Bevölkerung in dieser Corona-Pandemie noch deutlicher vor Augen geführt worden. Ob die Politik jedoch die in dieser Krise noch dramatischer gewordenen personellen und strukturelle Defizite zum Anlass nimmt, endlich die längst überfälligen und seit langem geforderten Reformen durchzuführen, bleibt zweifelhaft.

Ich erinnere nur an meine Untersuchung von 1991- also vor 30 Jahren !! – in der ich eine tägliche personelle Unterbesetzung von circa 30 Prozent in jedem deutschen Pflegeheim nachgewiesen habe. Lesen Sie hierzu den Artikel:
“Pflegenotstand – Der Skandal in der Altenpflege”.

Seitdem ist so gut wie nichts geschehen.

Daher befürchte ich, dass wegen dieser personellen Defizite und der jetzigen Überforderung durch die Pandemie noch mehr Pflegekräfte berufsmüde sind und aus der Pflege aussteigen.

Die Pflege fühlt sich nach einer Online-Befragung durch den DBfK – Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe – in der Corona-Pandemie nicht gut geschützt. Ein Drittel der befragten Pflegekräfte denkt regelmäßig über einen Berufsausstieg nach.

Dabei wäre gerade jetzt der Zeitpunkt gekommen, dass Pflegekräfte sich ihrer großen Bedeutung für die Gesellschaft bewusster werden, nicht klagen und jammern, sondern mit einer Stimme sprechen und notwendige Veränderungen von der Politik einfordern. 

In meiner Zeit als Geschäftsführer eines renommierten Sozialunternehmens habe ich jahrzehntelang politisch für gravierende Veränderungen gekämpft und gleichzeitig in „meinem“ Unternehmen optimale Arbeitsbedingungen geschaffen, was auch die mehrfachen Auszeichnungen „Beste Arbeitgeber Deutschlands bzw. im Gesundheitswesen belegen. Lesen Sie hierzu auch meine Beiträge zum Thema Führung und Management und hier besonders das Kapitel Mitarbeitende sind das kostbarste Vermögen.

Doch auch die Pflegekräfte selbst müssen noch viel selbstbewusster und mutiger auftreten. Sie müssen lernen, sich selbst, ihre Arbeit und ihren Beruf wertzuschätzen, stolz auf ihre Leistung zu sein und ihre Erfolge sichtbar zu machen. So habe ich jedes Heim verpflichtet, jährlich die Pflegeerfolge zu beschreiben und zu kommunizieren. Dazu zählen die wiedergewonne Autonomie, die erhaltene oder neue Lebensfreude der Bewohner, das Überflüssigmachen lebenseinschränkender Maßnahmen, das Aufrechterhalten sozialer Netzwerke des Bewohners, die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, das Verhindern von Risiken oder die Absenkungen der Pflegestufe in Folge guter fachlicher Arbeit. So entwickeln Mitarbeitende Stolz auf die eigene Arbeit und erreichen damit auch eine andere, verbesserte gesellschaftliche Anerkennung.

Dabei gilt es gerade in Sozialunternehmen zwei typische, ansteckende und damit gefährliche in vielen Einrichtungen vorkommende Viren auszurotten: „Jammern-und-klagen” und „Nicht-zuständig-sein”.  Und ich kenne keine Branche in der deutschen Volkswirtschaft, die ihre Arbeit so schlecht redet wie die Pflege selbst. Nehmen Sie als Beispiel die in einer Zeitung zitierte Aussage einer Heimleiterin aus Düsseldorf: „Ich versuche gerade, meinem Sohn den Pflegeberuf auszureden.” Dann dürften wir uns über die mangelnde öffentliche Wertschätzung nicht wundern, auch nicht darüber, warum so wenig junge Menschen für diesen Beruf gewonnen werden können.

Und so habe ich in vielen Vorträgen auch am „Tag der Pflegenden“  den Mitarbeitenden zugerufen:
„Treten Sie selbstbewusster auf. Legen Sie die jammernde Opferrolle ab oder die Rolle der selbstlos Dienenden und demonstrieren Sie glaubwürdig ihre Professionalität. Denn Pflege ist eine hoch anspruchsvolle, komplexe und für unsere älter werdende Gesellschaft eine überaus wichtige und wertvolle Tätigkeit, die allerdings auch gerade deshalb besser vergütet werden muss. Begreifen Sie also die Macht der Pflege. Reden Sie in der Politik mit,  informieren Sie sich. Denn wer nichts weiß, muss alles glauben. Mischen Sie sich ein, entscheiden Sie mit, handeln Sie. Dies setzt allerdings voraus dass Sie sich als wertvoll, wichtig und kompetent fühlen. Sie müssen lernen, die Erfolge Ihrer Arbeit öffentlich zu kommunizieren und Ihren Beruf stärker wert zu schätzen, warum nicht nach dem Motto: „ Früher war ich selbstlos, jetzt gehe ich selbst los.“(Zulehner) Lieben wir also das was wir tun. Liebe zum Beruf bedeutet Liebe zum alten oder kranken Menschen, Liebe zu Menschen überhaupt.“

Diese Richtung bestärkt jetzt auch ganz aktuell die Pflegewissenschaftlerin Prof. Dr. Angelika Zegelin mit ihrem neuen „Mutmachbuch“. Hierin rüttelt sie die Branche auf, mehr Stolz, mehr Mut zu zeigen. In dem Buch „Berufsstolz in der Pflege – Das Mutmachbuch“ gibt die pensionierte Pflegewissenschaftlerin der Universität Witten/Herdecke – mit ihr habe ich während meiner beruflichen Tätigkeit gerne zusammengearbeitet – reichlich Empfehlungen für ein kämpferisches Selbstbewusstsein des Berufsstands. Im Interview mit der Trendinfo-Redaktion der BFS -Bank für Sozialwirtschaft Nr. 2/21 – hält die gelernte Krankenschwester mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg.

Im Klappentext des Buches „Berufsstolz in der Pflege – Das Mutmachbuch“ aus dem hogrefe-Verlag heisst es: “Das Buch zeigt, wie wichtig Berufsstolz für Pflegende in Ausbildung, Lehre und Praxis ist. Die Autoren klären, welche Mechanismen und Strategien helfen, um diese Haltung zu entwickeln. Sie beschreiben die Facetten des Berufsstolzes mit Identität, Individualität, Leidenschaft, Mut, Selbstwert, Sinnhaftigkeit, Wissen und Bildung. Die Inhalte stärken professionell Pflegende und machen ihnen Mut, gegen chronische Belastungen und ethische Dilemmata aktiv vorzugehen und unwürdige Situationen zu ändern. Arbeitsporträts und Berichte aus der Praxis bieten konkrete Rollenmodelle und Umsetzungstipps. Die Autoren vermitteln die Grundlagen der Lobbyarbeit im Pflegeberuf. Sie zeigen Pflegenden, wie sie sich erfolgreich darstellen können und Selbstbewusstsein nach außen vermitteln und verkörpern können.”

Allen in der Pflege möchte ich dieses Buch wärmstens ans Herz legen.

 

Lebensqualität trotz Infektionsschutz

Das ZQP – Zentrum für Qualität in der Pflege – hat einen Ratgeber zum Infektionsschutz und zur Lebensqualität in Pflegeheimen während der Pandemie erarbeitet. Hier zu schreibt das ZQP:

„Für Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen sind Infektionsschutzmaßnahmen angesichts der Gefahren durch SARS-CoV-2 ganz besonders wichtig. Gleichzeitig können Schutzmaßnahmen wie Kontaktbeschränkungen oder Abstandsgebote die Lebensqualität älterer pflegebedürftiger Menschen erheblich beeinträchtigen und gesundheitliche Risiken bergen. Wenn der Infektionsschutz beispielweise mit einem Mangel an Zuwendung, Bewegung oder Beschäftigung einhergeht, können damit negative psychische und physische Konsequenzen verbunden sein. Solche problematischen Folgen müssen daher minimiert und die Lebensqualität bestmöglich aufrechterhalten werden.”

Diesen sehr guten Ratgeber empfehle ich allen Verantwortlichen in der Pflege.

Endlich: Doch Unterstützung durch die Bundeswehr!

In meinem letzten Beitrag “Die Bundeswehr als Retter der Pflegeheime?” schrieb ich zum Schluss: “Gerade erhalte ich die Nachricht, dass die Bundeswehr jetzt doch nicht in jedem Pflegeheim eingesetzt werde, da es sich nicht um einen Katastrophenfall handele!”

Nun scheint endlich einer der vielen Wirrwarr-Knäuls im Pandemie-Management aufgelöst. Die Bundeswehr kann nun doch in den Pflegeheimen aushelfen.

Das Ziel ist eigentlich schon seit Langem klar. Pflegeheime müssen in der Pandemie besonders geschützt werden. Bereits vor Wochen hat die Bundesregierung deshalb beschlossen, den Einrichtungen vermehrt Schnelltests zur Verfügung zu stellen, damit das Virus durch Besucher und Pflegekräfte gar nicht erst in die Heime eingebracht wird.

Das Problem, auf das ich immer wieder hinweise: den meisten Einrichtungen fehlt es an Mitarbeitenden, die Schnelltest durchführen können. Daher sind zusätzliche Aufgaben – wie die systematische engmaschige Testung – unmöglich zu stemmen.

Schnelle Abhilfe sollte der Einsatz der Bundeswehr leisten und nach einer Schulung auch die Abstriche für die Tests vornehmen. Allerdings herrschte seither bei den Städten und Landkreisen große Unsicherheit darüber, wer die Kosten solcher Einsätze trägt. Normalerweise zahlt die Kommune, die im Katastrophenfall Amtshilfe einfordert, anschließend auch die Rechnung. In der Corona-Pandemie soll das aber nun nicht mehr gelten – das hat das Bundeskabinett am Mittwoch beschlossen.

Demnach können die Bundeswehr und andere Bundesbehörden für Hilfeleistungen, die sie im Rahmen der Amtshilfe bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie erbracht haben, auf die Erstattung der Auslagen verzichten. Die Regelung gilt rückwirkend ab dem 1. März 2020 und ist zunächst bis zum Ende dieses Jahres befristet.

Kramp-Karrenbauer hatte zwar immer wieder betont, dass die Amtshilfe für die Kommunen kostenlos sei. Doch Wege bestehender Unsicherheiten hat es aber bis zuletzt Unsicherheiten gegeben. Auch deshalb war der Einsatz der Soldaten nur sehr zögernd in Gang gekommen. Bisher waren mit Stand vergangenen Montag nach Ministeriumsangaben erst bundesweit 747 Frauen und Männer in Altenheimen aktiv. Kramp-Karrenbauer sagte am Mittwoch im ZDF-„Morgenmagazin“. „Ich kann nur dafür werben, dass jeder wirklich diese Hilfe in Anspruch nimmt, denn mit jeder Infektion, die nicht in ein Altenheim getragen wird, retten und schützen wir Leben“,

Bei den Kommunen stieß der Kabinettsbeschluss auf Erleichterung. Umständlich bleibt die Anforderung der Soldaten dennoch. Denn Anträge können nicht die einzelnen Einrichtungen selbst stellen, sondern nur die Städte und Landkreise als Heimaufsichtsbehörden. Sie müssen den Bedarf bei den Trägern erheben und dann ein Amtshilfeersuchen stellen. Bei der Caritas hat man bereits gute Erfahrungen mit den Hilfskräften aus der Bundeswehr gemacht. Nach meinen Recherchen erhalten schon jetzt einige Einrichtungen Unterstützung der Bundeswehr so zum Beispiel in Berlin, in Bayern und auch in Nordrhein-Westfalen. Die Erfahrungen sind durchweg positiv, die zusätzlichen Kräfte sind eine wertvolle Entlastung.

Erleichterung für die Einrichtungen könnte auch die Corona-Testhilfe-Hotline der Bundesanstalt für Arbeit bringen, die am Montag freigeschaltet wurde. Hier können sich Freiwillige für den Schnelltest-Einsatz in Alten- und Pflegeheimen melden. Sie werden zuvor vom Roten Kreuz geschult.